Vortrag von Prof. Dr. Dirk Baecker

Die Währungen des Homo digitalis

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Meine Damen und Herren, lieber Herr Beckmann, ich bin jetzt schon sicher, dass es nicht gelingen wird, ihren Wunsch einzulösen. Wenn man einen Systemtheoretiker sprechen lässt, kann man nicht erwarten, dass es verständlich wird. Systeme sind nun einmal höchst unanschauliche Sachverhalte.

Ich habe den Eindruck, es wäre im Moment besser, die beiden vorherigen Vorträge zu diskutieren. Aber mein Vortrag steht nun einmal im Programm; und vielleicht hilft es ja auch, sich zusätzlich zu Fragen der Geschichte und Theorie des Geldes und der Handelspolitik der EU in Afrika auf Fragen der Digitalisierung einzulassen. Es bleibt anschaulich unanschaulich, das heißt es bleibt dabei, dass auch ich nach Mechanismen suche, die nicht verborgen, aber jedenfalls nur dem theoretisierenden, das heißt spekulativen Blick sichtbar sind und einige der rätselhaften Phänomene auf der Oberfläche der Erscheinungen nicht erklären, aber vielleicht mit einem angemessenen Kontext versorgen können.

Die Digitalisierung ist eins dieser anschaulich unanschaulichen Phänomene. Wir tragen diese Geräte, die Smartphones, Tablets und Computer mit uns herum. Wir ahnen, dass wir vor weitreichenden Veränderungen unserer Gesellschaft und Kultur stehen. Wir beobachten unsere Kinder, die schon mitten in diesen Veränderungen stecken, während wir vielleicht an unsere Landsitze in der Uckermark denken, wo wir eine Chance haben, von der anstehenden Digitalisierung vielleicht noch verschont zu bleiben.

Ich möchte dazu einladen, die Währungen des Homo digitalis als ein Medium zu begreifen und im Kontext einer Mediengeschichte der Menschheit zu betrachten. Ich erhoffe mir von diesem Blick auf das Geld als Medium eine Relativierung. Denn die Gesellschaft kennt auch andere Medien. Kommunikative Erfolge kann man mit den Mitteln des Geldes, aber eben auch mit den Mitteln der Macht, der Wahrheit, des Glaubens, des Rechts, der Kunst und der Liebe erreichen. Keine Frage, kaum eine Pore der Gesellschaft entgeht ihrer monetären Bewertung, entgeht einer möglichen „Korruption“. Aber es ist wichtig zu wissen, dass es auch andere Medien gibt, da wir andernfalls nicht verstehen würden, woher der Widerstand gegen das Geld kommen kann und wogegen das Geld seinerseits sich jeweils erst durchsetzen muss. Eine Medientheorie des Geldes hilft dabei, das Geld weder zu überschätzen noch zu unterschätzen. Solange wir vom „Kapitalismus“ reden, glauben wir an die Dominanz eines monetären, im Zeitkalkül des Kapitals verankerten Bewertungsmechanismus. Aber vielleicht übersehen wir dabei Entscheidendes. Und vielleicht ändert sich mit der Digitalisierung einiges an dieser vermuteten Dominanz. Nicht umsonst wird gegenwärtig viel über Mechanismen des Teilens, des Zurechnens, der Reputation und des Vertrauens gesprochen, die offenbar mit den hochgradig ungewissen Teilleistungen eines über das Internet vermittelten Zusammenhang der Arbeitskoordination besser zurandekommen.

Es geht mir also, wenn Sie so wollen, im Folgenden um eine Lockerungsübung im Medium der Theorie. Und es geht mir darum, die Kritik, etwa jene Kritik der politischen Ökonomie, die uns glauben macht, wir lebten in einem „Kapitalismus“ (obwohl die parlamentarische Demokratie, die Massenmedien, die allgemeine Schulbildung, die Emanzipation der Frau mindestens so weitreichende Konsequenzen hatten wie die Kapitalbildung im Medium des Geldes), als wichtigen reflexiven Bestandteil jeder Gesellschaft zu würdigen. Eine Gesellschaft ist nur vollständig, sagte meine Lehrer Niklas Luhmann, wenn sie sich auch negieren, wenn sie auch Nein zu sich sagen kann. Wir werden also danach fragen müssen, ob und wie eine digitalisierte Gesellschaft zu sich Nein sagen kann – ohne dass man gleich an Beobachter denken muss, die sich in die Toskana oder die Uckermark zurückgezogen haben.

Medien ermöglichen eine Vernetzung, die die Kritik ablehnt. Diese Zweiseitigkeit ist unser Ausgangspunkt. Beide Seiten sind wichtig; beide Seiten sind notwendig; beide Seiten haben Recht.

Währungen, Gelder, Medien

Währungen, Gelder, Medien. Währungen, auch wenn wir uns auf das Geld beschränken, gibt es nur im Plural. Wenn sie den Euro nicht mögen, können sie immer noch in Pfund handeln und umgekehrt. John G. Gurley und Edward S. Shaw haben 1960 ein nach wie vor lesenswertes Buch geschrieben, „Money in a Theory of Finance“, in dem alle denkbaren Vermögenswerte vom Grundbesitz und Sachkapital über Gold und Edelsteine, Rentenpapiere und Aktien bis zum Bargeld unter der Matratze unter Gesichtspunkten der Liquidität und Wertaufbewahrung gesehen werden. Je nach Einschätzung einer prinzipiell ungewissen gesellschaftlichen Lage, insbesondere politischen und wirtschaftlichen Situation, wird mehr Vertrauen in die eine oder die andere „Währung“ gesetzt. Der „mediale“ Blick ergibt sich hier schon daraus, dass jede der Währungen als Alternative zu anderen Währungen betrachtet wird und man daher die gesellschaftliche Lage nicht nur unter dem Gesichtspunkt einer mehr oder minder stabilen Währung, sondern eben auch unter Gesichtspunkten von Konvertibilitätschancen, -risiken und –kosten gesehen wird. „Medialisisierung“ heißt hier, die Auflösung der Bestände der einen Währung im Blickwinkel der Attraktivität ihrer Wiederanlage in einer anderen Währung zu betrachten.

Interessant wird dies, wenn ich den Gedanken hinzunehmen, dass die Menschheit es spätestens seit der Einführung der Schrift und damit der Einführung „historischer“, nicht mehr mit der ewigen Wiederkehr des Selben rechnenden Gesellschaften mit einer unbekannten Zukunft zu tun haben, die Wirtschaften als Vorkehr für eine ungewisse Zukunft gleichsam prinzipiell erforderlich macht. Medialisierung, Kritik und Ungewissheit sind daher die drei Pole, die hier unseren Blick auf digitale Medien organisieren. Dann sind aber eben auch die eigenen Kinder, falls und so lange man Zugriff auf ihre Verehelichungsentscheidungen hat, eine „Währung“ im Umgang mit der ungewissen Zukunft. Und auch Genossenschaften des Umfelds, in dem die GLS Bank tätig ist, sind neben allem anderen, was sie sind, auch eine Währung, ein Medium im Umgang mit Ungewissheit. Sachkapital, Diamanten, Bargeld, Kinder und Genossen unterscheiden sich nicht als Medium, aber sehr wohl im Hinblick auf die Art und Weise, welche Risiken sie auf welche Art und Weise zu adressieren erlauben. Solch ein Vergleich des zugleich Unvergleichbaren ist der Sinne eines theoretischen und insofern immer auch spekulativen Blicks.

Erst wenn ich auf diese Art und Weise sowohl verallgemeinere, also Identitäten schaffe, als auch respezifiziere, also Besonderheiten in den Blick nehme, kann ich mich einer digitalen Währung wie etwa Bitcoin nähern.

Eine solchen generalisierenden und respezifizierenden Blickwinkel stellt die soziologische Systemtheorie seit Talcott Parsons und Niklas Luhmann mit ihrer Theorie der Wahrnehmungsmedien, Verbreitungsmedien und Erfolgsmedien bereit. Geld wird hier als Erfolgsmedium betrachtet. Es stellt die Möglichkeit (den „Erfolg“) von Kommunikation auch dann sicher, wenn die Annahme von Kommunikation unsicher ist. Dass der eine Kommunikationspartner auf seine Güter verzichtet, nur weil der andere sie haben will, ist höchst ungewiss, wird aber wahrscheinlicher, wenn der andere in einer Währung „zahlen“ kann, die dem ersten wiederum erlaubt, auf knappe Güter und Leistungen zuzugreifen. Darüber hinaus hat die Zahlung (lat. „solutio“, die Lösung, auch im Sinn von Loslösung) den Vorteil, im Unterschied zu Macht, Liebe, Wahrheit keine weiteren Verbindlichkeiten zu schaffen. Parsons und Luhmann sagen daher: wie jedes andere Medium auch, aber auf spezifische Weise motiviert Geld zu einer Kommunikation, indem es hochgradig selektiv und spezifisch ist. Es bindet nicht, was der andere anschließend mit dem Geld macht. Es erlaubt, auf die Frage zu verzichten, woher jemand das Geld hat, mit dem er zahlt. Man kann das Geld gleich anschließend wieder ausgeben oder auch sparen usw. Alle diese Selektivitäten motivieren zur Geldannahme und machen so prinzipiell unwahrscheinliche Kommunikation wahrscheinlicher.

Das Geld „symbolisiert“, sagt Parsons, diese spezifische Möglichkeit des Austausches. Daher hat sich für alle Erfolgsmedien der Sammelbegriff symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien eingebürgert. Und zu diesen Medien gehören neben dem Geld eben auch die Macht, die Wahrheit, der Glaube, das Recht, die Kunst und die Liebe. Sie alle machen spezifisch unwahrscheinliche Kommunikation (des Befolgens von Befehlen, der Übernahme von Erleben, der Kommunikation mit Gott, der Regelung eines Konflikts, des Betrachtens ungewöhnlicher Formen und des Austauschs von Intimitäten) auf ihre Weise wahrscheinlicher. Man kann sich vorstellen, dass ein solcher Blick die Medien in einem Konkurrenz-, möglicherweise auch in einem Komplementärverhältnis sieht. Nicht nur kann in jeder Situation unklar sein, mithilfe welchen Mediums man weiterkommt, man kann auch in jeder Situation zu wechseln versuchen, etwa von der Liebe in die Macht oder aus der Zahlung in den Glauben.

Und nicht zuletzt kann jedes Medium in diesem Konzert nur mitspielen, wenn es hinreichend spezifisch ist, also gerade nicht für alles in Frage kommt. Man muss wissen, was man tut, wenn man zahlt bzw. sich bezahlen lässt. Für die Erfolgsgeschichte des Geldes seit der frühen Neuzeit war daher auch wesentlich, dass es eben nicht in allen Fällen akzeptiert wird. Luhmann macht darauf aufmerksam, dass große Bewegungen der Moderne nur zu verstehen sind, wenn man sie als Bewegungen gegen die universelle Reichweite des Geldes versteht. Die Reformation stellte sicher, dass man sein Seelenheil nicht kaufen kann (durch die Ablässe der katholischen Kirche). Die Demokratie und mehr noch die rechtliche Kontrolle der Bürokratie stellten sicher, dass man Ämter nicht kaufen kann (etwa Steuerämter im Königreich Frankreich). Und die Erfindung der passionierten, romantischen Liebe stellte sicher, dass man die Liebe und die Ehe auf andere als ökonomische Gründe stellten konnte (mit der Möglichkeit der Prostitution als warnendem Extremfall des Austausches von Intimitäten gegen Geld). Erst die Einschränkung der Reichweite des Geldes – heute diskutieren wir über Organhandel – stellt sicher, dass es leistungsfähig bleibt.

Die moderne Gesellschaft und ihre Kritik

Parsons hatte seine Medientheorie entworfen, um für die Einsicht zu werben, dass die moderne Gesellschaft nicht mehr primär durch soziale Ungleichheit, sondern durch die Dynamik dieser Medien „strukturiert“ ist. Seinen Ort in dieser Gesellschaft erhält man nicht mehr durch Herkunft, Stand und Geburt, sondern durch die Fähigkeit oder Unfähigkeit, mit diesen Medien umzugehen. Ulrich Beck und viele andere haben beschrieben, dass genau dies die „Individualisierung“ der Gesellschaft voraussetzt, das heißt die weitgehende Herauslösung des Individuums aus der Familie, seine „Subjektivierung“ und damit seine fast unvermittelte Konfrontation mit jedem einzelnen Medium. Die Zumutung, die darin lag und liegt, hat die Französische Revolution aufzufangen versucht, indem sie als generelles Inklusionspostulat der Moderne formulierte, dass prinzipiell jeder in prinzipiell jedem Medium kommunizieren können muss. Niemand darf von gesellschaftlicher Kommunikation ausgeschlossen werden.

Karl Marx’ Kritik an diesen Errungenschaften kann man nur verstehen, wenn man sie zugleich als Zumutungen sieht. Der individualisierte Mensch ist das „entfremdete“ Individuum. Diese Entfremdung gilt zwar besonders eindringlich in einem mechanisierten Arbeitsprozess, in dem der Arbeiter kein Verständnis für den Gesamtzusammenhang hat, gilt aber grundsätzlich und mit Hegel bereits dann, wenn es dem Individuum unmöglich gemacht wird, die gesellschaftlichen Bedingungen seiner medialisierten Existenz zu durchschauen. Die Errungenschaft, dass es gelingt, alle diese Medien zu Kristallisationspunkten von Funktionssystemen zu machen, das heißt eine Politik zu konzipieren, in der mit Macht um Macht geworben wird, eine Wirtschaft zu denken, in der Zahlungen Zahlungen (oder zumindest deren Möglichkeit) reproduzieren, ein Recht zu entwerfen, in dem Juristen mit Argumenten Argumente bestreiten, eine Kunst sich vorzustellen, in der das Schöne nur mit dem Schönen konkurriert, und eine Liebe zu entwickeln, die aus einer Passion in die nächste fällt, gilt Marx (und er beschränkt sich auf den Fall des Geldes) nur als „abgeschmackte Tautologie“.

Aber genau diese Gesellschaft ist ihrerseits das Ergebnis der Einführung eines schnell dominant werdenden Mediums, nämlich des Verbreitungsmediums Buchdruck. Der Buchdruck „dynamisiert“ die Gesellschaft, weil mit zunehmender Alphabetisierung alle lesen, viele schreiben und jeder damit rechnen muss, jederzeit von irgend jemandem kritisiert zu werden, der oder die mehr oder minder zufällig etwas gelesen hat, was im Widerspruch zu dem zu stehen scheint, was jemand gerade tut. Das kritische Zeitalter der Aufklärung war geboren, in dem man die Kritik aller durch alle nur dadurch einigermaßen bändigen konnte, dass jede Kritik unter das Vorzeichen der „Vernunft“ gestellt wurde (die allerdings viel zu wenig ausschließt) und sie zunehmend in Funktionsrationalitäten kanalisiert wurde: Politiker kritisieren Politiker, Unternehmer konkurrieren mit Unternehmern, Liebhaber messen sich mit Liebhabern und Künstler punkten mit Genialität und Originalität. Nur so konnte die Dynamik nicht wieder aus der Welt geschafft, aber nicht nur gezähmt, sondern fruchtbar gemacht werden. Das Ergebnis nennen wir „moderne Gesellschaft“. Als „Kapitalismus“ kann diese Gesellschaft nur beobachtet werden, wenn man glaubt, dass das Kapital der einzige Mechanismus ist, der es erlaubt, die unbekannte Zukunft einer dynamischen Gesellschaft als ungewiss vorauszuberechnen. Das stimmt, wenn man den Kapitalbegriff so verallgemeinert, wie es Gary S. Becker und Pierre Bourdieu mit ihren Begriffen des Human-, des ökonomischen, des kulturellen und des sozialen Kapitals vorgeschlagen haben. Aber das stimmt auch nur dann, wenn man jede Art des Kapitals allenfalls auf dem Umweg über das Kalkül einer ungewissen Zukunft auf Ausbeutungschancen (von anderen und von sich selbst) bezieht. Ausbeutung ist fakultativ, wenn ich so sagen darf, und politisch korrigierbar; zwingend für ein Verständnis des Kapitalbegriffs ist der Bezug dafür brauchbarer Ressourcen auf Probleme des Umgangs mit einer unbekannten Zukunft.

Medien der nächsten Gesellschaft

So, wie die moderne Gesellschaft das Ergebnis der Einführung und Durchsetzung des Buchdrucks ist (und die antike Hochkultur ein Ergebnis der Einführung und Durchsetzung der Schrift, die Stammesgesellschaften ein Ergebnis der Einführung und Durchsetzung von Sprache), so können wir die nächste Gesellschaft als das Ergebnis der Einführung und Durchsetzung elektronischer und digitaler Medien sehen. So historisch grobkörnig eine Medienarchäologie der Gesellschaft dieser Art ist, so heuristisch brauchbar ist sie unter Umständen. Mit Marshall McLuhan kann man annehmen, dass die Einführung von Elektrizität als Einführung der Möglichkeit global instantaner Verknüpfung mit der Sprengung aller räumlichen und zeitlichen Puffer in der Vermittlung von Kommunikation die Herausforderung der nicht mehr modernen, sondern nächsten Gesellschaft ist – und die Computer, ihre Netzwerke, Speicher und Algorithmen bereits eine Form der Bewältigung, aber auch Verstärkung dieser Herausforderung sind.

Das ist der Kontext, in dem es möglich ist, digitale Währungen zu diskutieren. Der für uns entscheidende Punkt ist, dass sich in der neuen Medienepoche der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft nicht nur die Struktur, sondern auch die Kultur dieser Gesellschaft ändert. Hatte sich die moderne Gesellschaft entlang der Vorgabe funktionaler Rationalitäten in Funktionssysteme wie Wirtschaft, Politik, Recht, Wissenschaft, Kunst, Familie etc. sowie in Organisationssysteme wie Behörden, Unternehmen, Kirchen, Armeen, Schulen, Theater, Gerichte etc. und in massenhaft, aber relativ folgenlos auftretende Interaktionen (es sei denn: sie werden zu Protestbewegungen oder führen ihrerseits zu neuen Organisationen) strukturell differenziert und im selbstreferentiell unruhigen Gleichgewicht ein kulturelles Selbstverständnis gegeben, so scheint beides im Umgang mit schnellen, gedächtnisstarken und hochgradig vernetzten Computern nicht mehr zu genügen. Rationalitäten lösen sich auf, Organisationen diffundieren in Projekte, Interaktionen werden zu nicht mehr folgenlosen, sondern hochrelevanten Schnittstellen mit Computern. Strukturell entsteht, was Manuel Castells eine Netzwerkgesellschaft genannt hat. Und kulturell bekommen wir es mit einem neuen Sinn für Komplexität, das heißt für wechselseitige Interdependenz und Inkommensurabilität von Körper, Bewusstsein, Kommunikation und Technik zu tun.

Welche Medien lassen sich in dieser Gesellschaft beobachten? Was ist der Kontext des Auftretens digitaler Währungen? Ich nenne drei Medien oder auch Währungen, die Ihnen so vertraut sind wie mir, von denen ich jedoch sage, dass sie eine Reichweite der Vermittlung von Kommunikation gewinnen, die sie in der modernen Gesellschaft noch nicht hatten.

Erstens gibt es das Medium der Reputation, in dem man sich bewegt, sobald man auf einer elektronischen Plattform ein Konto, einen Account, eröffnet und Handlungen in die Welt setzt, die von anderen bewertet werden können. Implizit ist dies in jeder Gesellschaft immer schon der Fall gewesen. Bronislaw Malionowski kann für die Trobriander der Südseeinseln beschreiben, wie scharf diese in Netzwerken der Reziprozität zu beobachten, zu kalkulieren und zu planen verstehen. Doch jetzt wird es explizit; jeder kann mitmachen; jeder kann sofort den Erfolg jeder Initiative beobachten – und muss dennoch befürchten, nur von Bots, Trollen oder sonstigen Parasiten des Netzes umgeben zu sein. Dennoch: im Medium der Reputation und mithilfe der Währung meiner Bewertungen, dokumentiert auf meinem Konto, orientiere ich mich an der Konnektivität des Netzwerks. Und Konnektivität soll heißen: grundsätzlich könnte jeder mit jedem verknüpft sein, tatsächlich sind es nur wenige mit Wenigen. Wie komme ich da hinein? Und wie komme ich wieder heraus?

Diese Reputation erlaubt es, Vertrauen zu entwickeln und um Vertrauen zu werben. Vertrauen ist selbst eine Art Währung, wenn ich darauf achte, dass Vertrauen nicht nur geschenkt, sondern auch laufend überprüft wird, das heißt von beiden Seiten „bedient“ werden kann: von der Seite, die Vertrauen „schenkt“, und von der Seite, die Vertrauen „verdient“. Von einem „studied trust“ spricht daher der Industriesoziologe Charles Sabel. Ein gutes Beispiel dafür ist das Vertrauen eines Kreditgebers, das an den regelmäßig (oder eben nicht) eintreffenden Zinszahlungen des Kreditnehmers immer wieder überprüft wird.

Das Medium der Führung wäre dafür ein gutes drittes Beispiel. In unsicheren Projekten in volatilen Umwelten entsteht Führung in dem Moment, in dem einer bestimmten Person oder Personengruppe ein Ressourcenzugriff welcher Art auch immer (Kapital, Personal, Kompetenzen, Fluchtwege…) zugerechnet wird und alle anderen Entscheidungen sich daran orientieren. Eine Währung ist dies insofern, als auch hier laufend gerechnet wird, welche Ressourcenzugriffe in welchen Situationen unter welchen Leuten welche Reichweite haben. Man kann „Führung“ ausflaggen, die sich in bestimmten Situationen bewährt hat und daher in anderen Situationen wieder ausprobiert wird. Das ist der Vorgang, den Parsons als symbolische Generalisierung beschrieben hat. Vorteilhaft an diesem Verständnis einer Währung ist vor allem, dass die symbolische Generalisierung nicht einfach gilt, weil sie gilt, sondern nur deswegen gilt, weil sie sich bewährt. Auch das Medium ist eine „Sprache“, die sich, mit Ludwig Wittgenstein, erst „im Gebrauch“ bewährt.

Kritik der nächsten Gesellschaft

Auch zur nächsten Gesellschaft gehört eine Form der Negation, die wir der Einfachheit halber einstweilen „Kritik“ nennen. Autoren wie Gayatri Chakravorty Spivak oder Achille Mbembe beschreiben subtile Mechanismen der Diskriminierung, die die Schattenseite derselben Medien sind, auf die wir uns positiv unter Namen wie Reputation, Vertrauen und Führung beziehen. Wir brauchen nur ein wenig die Perspektive zu wechseln, um zu sehen, dass diese Medien hochgradig exklusiv sind, wesentlich exklusiver, als es die Medien der Funktionssysteme im Inklusionsprogramm der Moderne zumindest in den temperierten Gefilden Mitteleuropas je gewesen sind. Es sind eben immer nur exklusive Gruppen, denen es gelingt, untereinander Reputation aufzubauen, Vertrauen zu bilden und Führungskompetenzen zu entwickeln. Wer fällt raus? Welche Barrieren gibt es? Welche Aufmerksamkeit für Exklusionseffekte kann in der Gesellschaft sichergestellt werden? Ist nicht jede der landauf landab gepriesenen „Gemeinschaften“ eine Exklusionsgemeinschaft? Möglicherweise führt der Vorwurf eines ubiquitären Rassismus zu weit. Aber grundsätzlich übertrieben ist er nicht, so wenig wie die Kritik der Ausbeutung grundsätzlich übertrieben war. Offenbar ist selbst die weltweit zu beobachtende Wiederkehr der Regierungsform eines „Deep State“, also einer hohen Integration von Exekutive, Militär, Geheimdienst und militärischer Kontrolle der Industrie, nicht zuletzt eine auch noch ethnisch und religiös verdichtete Form von „Gemeinschaft“.

Whim and Reason. Die Basis der Währungen des Homo digitalis.

Was ist an allen diesen Überlegungen spezifisch digital, werden Sie fragen. Wann und wo kommen die Maschinen als überraschend auftretende Teilnehmer an Kommunikation ins Spiel? Immerhin hatte die moderne Gesellschaft unter dem Vorzeichen des „Humanismus“ alle anderen Teilnehmer an Kommunikation, Geister, Götter, Tiere und Pflanzen, aus der Kommunikation unter Menschen vertrieben. Ist das die Rache der Gesellschaft? Dass sich nun die Maschinen an der Kommunikation beteiligen? Und vor allem: was kann das heißen?

Einen weiterführenden Hinweis gibt es Tim Berners-Lee, der Erfinder des World Wide Web, damals noch am CERN auf der Grenze zwischen Frankreich und der Schweiz, der in seinem Buch „Weaving the Web“ das Netz als einen Ort beschrieben hat, „where the whim of human being and the reasoning of a machine coexist in an ideal, powerful mixture.“ Das Netz wird ein Ort sein, wo die Launen des Menschen und die Berechnungen der Maschine auf „ideale“ (gemessen an welchen Ideal, ist man versucht zu fragen) Weise zusammen existieren werden. Dem ist bis heute wenig hinzuzufügen, berücksichtigt man, dass Ende des 20. Jahrhunderts noch die Vorstellung dominierte, dass die Launen sich die Maschine untertan machen können, während es jetzt zuweilen eher so aussieht, als sei das Gegenteil der Fall. Entscheidend ist jedoch, dass die (freiwillig oder unfreiwillig erstellten) Profile der individuellen Nutzer mit dem Profiling leistungsfähiger Algorithmen eine Verbindung eingehen, die hochgradig nützliche Verwendungszusammenhänge (Videospiele, Health Apps, wissenschaftliche Forschungsplattformen etc.) ebenso trägt wie hochgradig bedrohliche (Hackerangriffe, Cyberwars etc.). Noch ist unklar, ob es dem neuen Forschungsbereich der Surveillance Studies gelingt, immer beide Seiten im Blick zu behalten.

Die Maschinen sind uns mithilfe von Techniken wie Predictive Coding und Affective Computing erfolgreich auf der Spur. Jede neue Laune füttert einen Algorithmus. 40% unseres Verhaltens, sagt Alex Pentland, ist auf der Basis der von uns selbst produzierten historischen Daten unseres Verhaltens vorhersagbar. Mit 60% unseres Verhaltens, anders herum gesagt, sind wir „frei“.

Train your network: Drei Möglichkeiten der Orientierung in Netzwerken.

Aus diesen Überlegungen, die ich hier skizzenhaft vorgetragen habe, folgt, dass wir uns jede Währung, vom guten alten Geld bis zum Bitcoin, präzise daraufhin anschauen können sollten, in welchem Netzwerk mit welcher Reichweite und welchen Exklusionseffekten sie jeweils gültig sind. Die nationalen Währungen haben uns in der relativen Sicherheit einer nahezu globalen Universalisierbarkeit gewogen, die uns affirmativ wie kritisch dazu verführt haben, unseren Glauben an das Geld allzu absolut zu setzen.

Schließen möchte ich mit einer Empfehlung, mit der Pedro Domingos sein lesenswertes Buch über Machine Learning beschlossen hat. Letztlich, so Domingos, haben wir nur zwei Möglichkeiten. Die erste Möglichkeit, praktisch kaum zu realisieren, besteht darin, das eigene Handeln im Netz so weit wie irgend möglich zu anonymisieren – vom Verbot des Tracking über die Nutzung von Suchseiten wie startpage.com bis zur Vermeidung jeder Plattform und jeder App, die über auch nur minimale Techniken des Protokollierens des Nutzerverhaltens verfügen. Und die andere Möglichkeit besteht darin, sich die Intelligenz der Algorithmen zunutze zu machen, wo auch immer man auf Plattformen und in Apps auf sie trifft, indem man sicherstellt, sie mithilfe von konsistenten Accounts auf die persönlichen Bedürfnisse und Interessen hin trainiert. Das bedeutet, dass man auf Buchplattformen verschiedene Accounts für verschiedene Aktivitäten anlegt, also die Suche nach Büchern für den eigenen Bedarf von der Bestellung von Weihnachtsgeschenken für Nichten und Neffen trennt. Es bedeutet, dass das Verleihen des eigenen SmartPhones (aber wer macht denn so etwas?!) noch ausgeschlossener ist als einst das Verleihen des Füllfederhalters. Nur unter dieser Bedingung können die Algorithmen meine jeweiligen Bedürfnisse, Interessen und Verhaltensweisen treffend rekonstruieren und mir dann genau die Vorschläge unterbreiten, mit denen ich tatsächlich etwas anfangen kann.

Ich weiß nicht, welche digitalen Währungen uns im Einzelnen bevorstehen. Aber dass wir die Frage immer wieder neu und zusätzlich aufwerfen müssen, ob wir den Maschinen trauen oder misstrauen wollen, das gilt in Zukunft wie bezüglich des Vertrauens in gute oder böse Geister, in friedfertige oder feindselige Menschen in der Vergangenheit.

Literatur:

  • Dirk Baecker (Hrsg.), Viele Gelder, Berlin 2003
  • Dirk Baecker, Studien zur nächsten Gesellschaft, Frankfurt am Main 2007
  • Dirk Baecker, „Zur Nullzinspolitik der Notenbanken: An der Schwelle zur nächsten Gesellschaft“, in: Merkur: Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken 69, Heft 788 (Januar 2015), S. 18-29
  • Gary S. Becker, Human Capital: A Theoretical and Empirical Analysis with Special Reference to Education, Chicago 1964
  • Tim Berners-Lee, Weaving the Web: The Original Design and Ultimate Destiny oft he World Wide Web, New York 1999
  • Pierre Bourdieu, „Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital“, in: Reinhart Kreckel (Hrsg.), Soziale Ungleichheit. Soziale Welt, Sonderband 2, Göttingen 1983, S. 183–199
  • Manuel Castells, The Rise of the Network Society, Oxford 1996
  • Paul Cilliers, Complexity and Postmodernism: Understanding Complex Systems, London 1998
  • Pedro Domingos, The Master Algorithm: How the Quest for the Ultimate Learning Machine Will Remake Our World, New York 2015
  • Peter F. Drucker, Managing in the Next Society, New York 2003
  • John G. Gurley und Edward S. Shaw, Money in a Theory of Finance, Washington, DC, 1960
  • Achille Mbembe, Critique de la raison nègre, Paris 2013
  • Marshall McLuhan, Understanding Media: The Extensions of Men, New York 1964
  • Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1997
  • Talcott Parsons, Zur Theorie der sozialen Interaktionsmedien, Opladen 1980
  • Alex Pentland, Social Physics: How Good Ideas Spread: The Lessons from a New Science, New York 2014
  • Charles Sabel, „Studied Trust: Building New Forms of Cooperation in a Volatile Economy“, in: Human Relations 46 (1993), S. 1133-1170
  • Waltraud Schelkle und Manfred Nitsch (Hrsg.), Rätsel Geld: Annäherungen aus ökonomischer, soziologischer und historischer Sicht, Marburg 1995
  • Gayatri Chakravorty Spivak, A Critique of Postcolonial Reason: Toward a History of the Vanishing Present, Cambridge, MA, 1999