Vortrag von Ulrike Herrmann

Wie der Kapitalismus das Geld verändert hat

Vortrag als pdf

Es ist eine große Ehre für mich, hier zu sein. Was ich an diesem Geldgipfel besonders interessant finde ist, dass Experten oder Leute, die sich rund um die Uhr vollberuflich mit Finanzfragen und mit Banking beschäftigen, gleichzeitig hier zusammen sind mit Menschen, die sich vielleicht zum ersten Mal mit diesem Thema beschäftigen, aber genau ahnen, dass unser Finanzsystem vor schweren Krisen steht. Und da trifft sozusagen die professionelle Zunft auf den interessierten Bürger. Und damit dieses Gespräch vielleicht besser funktionieren kann, dachte ich mir, dass ich tatsächlich eine Art Einführungsvortrag halte, der für alle verständlich ist. Und vielleicht kommt dann bei den Bankern manchmal das Gefühl auf, das weiß ich schon, warum erzählt sie das? Aber man muss ja erstmal eine gemeinsame Basis schaffen. Der vollständige Vortragstitel ist hier nur zur Hälfte abgebildet, der vollständige Titel heißt nämlich: „Geld und Kapital sind nicht das Gleiche. Wie der Kapitalismus das Geld verändert hat." Sie können sich vorstellen, es gibt auch zwei Teile. Der erste Teil ist, erstmal zu erklären – ganz wichtig, sonst versteht man nichts – dass Geld und Kapital nicht das Gleiche sind. Und dann kommt eben der zweite Teil, wie der Kapitalismus noch einmal alles verändert hat.

Um vorne anzufangen, Kapital, wissen sie, war ein Buch von Marx, 1867 erschienen. Trotzdem ist wichtig zu wissen, dass der Begriff Kapital nicht von Marx stammte, sondern älter ist. Er stammt von einem französischen Ökonomen aus dem 18. Jahrhundert, der Turgot hieß. Und Turgot hat eben gesehen, dass im 18. Jahrhundert etwas völlig Neues passiert ist, was es weltweit in der gesamten Menschheitsgeschichte noch nicht gab und für diesen Begriff hat er Kapital geprägt. Bevor ich ihnen erkläre, was Kapital ist, würde ich aber erstmal noch einen kleinen Umweg zum Geld machen, um eben zu erklären, dass Geld und Kapital nicht das Gleiche sind, obwohl das im Alltag oft synonym verwendet wird. Also wenn sie zum Beispiel in die Bank gehen und dort Geld auf ihr Konto einzahlen, wird ihnen der Bankberater oft sagen, dass sie jetzt Kapital bilden, Kapital umschichten, Kapital anlegen, sonst etwas da mit ihrem Kapital machen, das stimmt nicht! Das, was bei ihnen auf dem Konto liegt, ist Geld, das ist kein Kapital. Das Kapital und Geld nicht das Gleiche sein kann, sieht man schon daran, dass es Geld immer gab.

Die Entstehung des Geldes

Geld gibt es so lange, wie die Menschen sesshaft sind, also seit ungefähr zehntausend Jahren. Und seit definitiv viertausend Jahren wissen wir, dass es Geld gab, weil wir immer noch schriftliche Dokumente aus Mesopotamien haben, das ist da wo der heutige Irak liegt. Und man sieht eben in diesen Dokumenten, viertausend Jahre alt, dass schon damals Zahlungsverpflichtungen aufgeschrieben wurden. Was übrigens auch zeigt, dass die Schrift nicht erfunden wurde, um Literatur zu verfassen, sondern um Schulden aufzuschreiben. Geld und Schrift hängen eng zusammen. Denn das Interessante ist, dass selbst die Menschen in Mesopotamien vor viertausend Jahren bereits das moderne Geld benutzt haben. Sie hatten genau das gleiche Geld, das wir heute auch haben. Das Geld, das wir heute haben, ist sogenanntes Kreditgeld, das aus dem Nichts entsteht in dem Moment, wo ein Darlehen vergeben wird. So, jetzt ist natürlich die Frage, wie kann das denn sein? Und das wird ganz deutlich, wenn man nochmal zurückgeht in die Zeit von Mesopotamien. Auch damals schon haben die Leute Fernhandeln betrieben, am liebsten mit Anatolien, also der Osttürkei, weil es da Silber gab. Kein einziger Kaufmann hatte genug Waren und Lasttiere, um eine ganze Karawane auszustatten. Das heißt, er hat sich das zusammen geliehen von anderen Kaufleuten. Und die wollten natürlich sicher sein, dass sie ihr Geld zurück sehen und deswegen wurden dann Schuldscheine ausgestellt, auf denen stand dann sinngemäß drauf: Kaufmann A verspricht Kaufmann B in einem Jahr diese Waren und Tiere zurück zu zahlen, plus Zins. Wie das mit dem Zinseszins ging, wussten die Mesopotamier auch schon 1a. Und jetzt können sie sich aber vorstellen, dass es nicht lange dauerte, bis Kaufmann B sich gedacht hat, ist ja eigentlich quatsch, dass ich jetzt warte, bis Kaufmann A aus Anatolien zurück ist. Ich kann ja schon mal diesen Schuldschein von Kaufmann A weiterreichen an Kaufmann C, um meine eigenen Zahlungsverpflichtungen zu begleichen und dann kann ja Kaufmann C sich bei A melden, wenn der in einem Jahr aus Anatolien zurück ist. C hat auch nicht lange gewartet, sondern den Schuldschein an D weitergereicht und so sehen sie, wie aus einem Kredit, der technisch ausgedrückt verbrieft wurde, also auf einem Schuldschein stand, wie aus diesem Kredit einfach nur dadurch, dass er verbrieft wurde, prompt Geld wurde. Jetzt wissen sie natürlich, heute benutzen wir keine Schuldscheine mehr in diesem Sinne, sondern wir haben alle Girokonten, aber da läuft das genauso. Nochmal für die, die sich jetzt fragen, wie das mit der Geldschöpfung auf dem Girokonto laufen könnte, ich mache jetzt einen Vergleich, der etwas schief ist, ich hoffe alle Banker verzeihen mir, aber das macht die Sache besonders klar. Stellen sie sich vor, sie haben also ein Girokonto, auf dem gar kein Geld ist, kein Cent. Kann sich das jemand vorstellen? Aber sie haben mit der Bank abgemacht, dass sie einen Überziehungskredit haben. Und dann gehen sie also mit ihrer EC-Karte zum EC-Automaten, stecken da die EC-Karte rein und es kommt Geld raus. Und genau in dem Moment bucht die Bank auf ihrem Girokonto ein Minus. Und volkswirtschaftlich gesehen ist genau in dem Moment Geld entstanden. Wenn sie dann irgendwann wieder bei Geld sind und den Kredit zurückzahlen, schrumpft die Geldmenge auch wieder, dann ist das Geld weg. Insgesamt ist das so, wenn man sich das jetzt volkswirtschaftlich anguckt, dass die Geldmenge ungefähr genauso stark steigt – das ist jetzt alles etwas vereinfacht – wie die Kreditmenge. Was man daran schon sieht ist – ganz wichtig auch, weil ich glaube, da scheitert oft auch die Diskussion um Geld –, es gibt in der Geldgeschichte keine zunehmende Abstraktion des Geldes. Oft denken die Leute, erst hatten wir Münzen, die konnte man anfassen, dann hatte man Papier, das konnte man noch anfassen, aber jetzt haben wir leider Girokonten, das ist irgendwie abstrakt. Das stimmt nicht, sondern Geld war immer abstrakt. Das werde ich nachher noch ein bisschen stärker erklären, weil Geld nämlich dadurch zustande kommt, dass es eine soziale Funktion erfüllt, es wird durch die soziale Funktion definiert, nicht dadurch, dass es eben Münzen ist oder Girokonten oder sonst etwas. Wir bleiben aber erstmal bei Mesopotamien, damit sie sehen, wie die Geschichte weiter ging. Das Interessante an Mesopotamien ist also, sie hatten Geld, sie hatten Kreditgeld, aber was sie nicht hatten, war Wachstum. Sondern Mesopotamien war eine stagnierende Agrargesellschaft, genau wie alle anderen Gesellschaften, die danach kamen. Ob das das antike Römerreich war, das chinesische Kaiserreich im neunten Jahrhundert nach Christus – sehr fortschrittlicher Staat, trotzdem stagnierend, wenn es ums Wachstum ging. Auch hier, Witten Herdecke, das Ruhrgebiet im 18. Jahrhundert, stagnierende Agrargesellschaft, von den ganzen Zechen war ja auch noch nichts zu sehen. Nur damit sie sich ein bisschen vorstellen können, wie man damals gelebt hat, damit klar ist, wie anders unsere Welt heute ist. Von ihnen, die sie hier sitzen, wären die meisten nicht mehr im Raum. Die Lebenserwartung war 28 Jahre im Durchschnitt. Dass die Lebenserwartung so niedrig war, lag auch daran, dass 40 % der Kinder das erste Geburtsjahr nicht vollendet haben. Sie sind kurz nach der Geburt gestorben, an Scharlach, an Masern, auch schlicht an Verdauungsstörungen, an Typhus. Das heißt, wenn man erstmal den fünften Geburtstag überlebt hatte, dann war die Chance gut, dass man auch fünfzig wird, aber wie gesagt, die meisten waren ja dann schon gar nicht mehr dabei. Warum ich ihnen das erzähle, ist nur – ganz wichtig, weil ich glaube, das ist auch in der Gelddebatte oft so ein kleiner Irrtum –, Geld allein, das zeigt diese Geschichte, schafft kein Wachstum. Die Mesopotamier hatten das moderne Geld, aber kein Wachstum.

Die Entstehung des Kapitalismus

Der moderne Kapitalismus ist aber ein System, das wissen sie alle, sie sind ja dabei, das permanentes Wachstum erzeugt. Es gibt zwischendurch mal Krisen, aber dann sind die wieder vorbei, es geht weiter aufwärts. Die Frage also, wenn man den Kapitalismus verstehen will, ist: Wo kommt eigentlich dieses Wachstum her? Und das ist die Frage, was ist eigentlich das Kapital im Kapitalismus. Und auch das kann man sich wieder am besten historisch angucken, nämlich: Der Kapitalismus, den wir heute haben, ist an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit entstanden. Nämlich genau 1760 in England. In dem Moment, als die Textilfabrikanten auf die Idee kamen, Webstühle und Spinnereien zu mechanisieren. Das haben Sie alle in ihren Schulbüchern gesehen, als sie Geschichte gemacht haben in der Schule, da kam erst die Wasserkraft und dann die Dampfkraft, das waren ganz kleine Maschinen, aber damit hat dann die Industrialisierung angefangen. Und heute erscheint uns das völlig selbstverständlich, dass alle Unternehmer immer investieren, dass sie auf Effizienz setzen, dass sie ihre Produktivität steigern. Das geht ja schon so weit, dass wir inzwischen Investieren für alles benutzen, also Sie wissen das ja selber, wenn Sie ins Fitnessstudio gehen, dann investieren Sie heutzutage in ihren Körper. Und wer hier in Witten Herdecke studiert, der investiert in sein Humankapital. Es ist völlig klar, wir investieren nur noch, egal in was. Obwohl wir das so selbstverständlich finden, dass wir unser gesamtes Leben nur noch nach einem Investitionsplan ausrichten, muss einem eben klar sein, das Investieren gab es sonst noch nie in der gesamten Weltgeschichte. Das heißt, die Frage ist einfach: Warum ausgerechnet England, warum 1760? Und es ist wirklich ein Rätsel. Es ist aus zwei Gründen ein Rätsel, warum die Industrialisierung ausgerechnet in England stattgefunden hat. Das eine ist, die Technik, die man am Anfang eingesetzt hat, war nicht neu. Auch die Römer kannten die Dampfkraft, aber sie haben sie eben nicht in ihren Manufakturen eingesetzt, da hatten sie die Sklaven, sondern sie haben mit der Dampfkraft Spielzeuge hergestellt. Das weiß man, weil man noch Zeichnungen hat von einem Ingenieur, der hieß Heron von Alexandria und der hat so kleine Miniaturtempel gebaut. Und diese Miniaturtempel sollten Türen haben, die automatisch auf- und zugehen und diese Türen, die sollten mit Dampfkraft betrieben werden. Aber es ist natürlich die Frage, warum sind die Römer nicht darauf gekommen, die Dampfkraft einfach mal in ihren Manufakturen einzusetzen? Und das Zweite, was das Rätsel eben noch interessanter macht, am Anfang in England, sind die ersten Maschinen nicht von Wissenschaftlern gebaut worden, sondern von Handwerkern, die zum Teil noch nicht mal lesen und schreiben konnten. Und die haben eben so lange an den Maschinen herumgetüftelt, bis es endlich klappte. Das heißt, wenn es eine bekannte Technologie war, die von Handwerkern weiterentwickelt wurde, ist natürlich die Frage, warum hat sich die Industrialisierung nicht sagen wir mal in Preußen um 1500 abgespielt, sondern in England, um 1760? Das ist die größte Frage in der Wirtschaftsgeschichte, dazu sind ungelogen Tonnen von Büchern erschienen. Und ein Wirtschaftshistoriker aus den Niederlanden hatte dann die sehr naheliegende und pfiffige Idee, einfach mal zu zählen, wie viele Theorien es inzwischen gibt, verschiedene Erklärungsansätze. Dann kam er zu dem Ergebnis, es gibt inzwischen zwanzig verschiedene Theorien. Die werde ich ihnen jetzt nicht alle erzählen, sondern gleich meine Lieblingstheorie darbieten, die stammt von einem amerikanischen Wirtschaftshistoriker, der Robert C. Allen heißt und heute in Oxford ist. Und nicht dass sie denken, der hätte sich das irgendwie ausgedacht sondern dahinter steht ein gigantisches Forschungsprojekt, das weltweit betrieben wurde, mit hunderten von Historikern. Was man gemacht hat ist einfach, man hat sich die Reallöhne im 18. Jahrhundert angeguckt, also wieviel Getreide konnten sich die Leute mit dem, was sie bekommen haben an Geld, an Lohn, leisten. Und dieser Ansatz hat zutage gefördert, dass die Löhne in England im 18. Jahrhundert die höchsten der Welt waren. Und zwar waren sie doppelt so hoch, wie auf dem europäischen Kontinent. Und dann passierte eben etwas, was sie heute auch noch kennen, die Engländer waren nicht mehr konkurrenzfähig. Und, das ist ja eigentlich auch klar, wenn alle Menschen in der Landwirtschaft arbeiten, wenn man noch nicht industrialisiert ist, dann ist die Textilindustrie oder die Textilherstellung der einzige Exportzweig, der überhaupt da ist. Und genau dieser Exportzweig war nun bedroht, weil man so teure Arbeitskräfte hatte, dass man nicht mehr konkurrieren konnte. Und genau in diesem Moment, weil die Menschen teuer waren, hat es sich zum ersten Mal gelohnt, Maschinen zu bauen und einzusetzen. Und das ist etwas, was für den Kapitalismus bis heute gilt: Technik wird eingesetzt, nicht weil man sie hat, sondern weil sie sich lohnt. Und das ist absolut nicht das Gleiche. Was an dieser Geschichte wichtig ist, keiner hat den Kapitalismus geplant, keiner hat ihn kommen sehen, es hat dann noch hundert Jahre gedauert bis man ihn zum ersten Mal ansatzweise richtig beschrieben hat, sondern es war einfach nur so, ein paar Textilfabrikanten waren nicht mehr konkurrenzfähig und fingen dann an, an den Maschinen herumzuschrauben. Und trotzdem war es so, damit begann die Industrialisierung. Denn mit dem Einsatz von Technik konnte natürlich jeder einzelne Arbeiter mehr produzieren und damit war das Wachstum in der Welt.

Das ist das Fazit des ersten Teils. Um das zusammenzufassen, was das Ergebnis bisher ist: Erstens, Kapital ist nicht Geld, sondern das Kapital einer Gesellschaft sind die Maschinen und der technische Fortschritt. Das Zweite, was daraus folgt, ist: Reichtum ist nicht Geld. Geld entsteht aus dem Nichts und es ist auch nichts. Das ist jetzt für den Einzelnen vielleicht ein bisschen erstaunlich, denn es macht natürlich einen Unterschied, ob man auf dem Konto 2000 Euro hat oder 1000 Euro. Wenn man 2000 Euro hat denkt man ja, jetzt bin ich doppelt so reich, wie wenn ich 1000 Euro hätte. Aber das gilt nicht für die Gesamtgesellschaft. Für die Gesamtgesellschaft – ungelogen – ist es eigentlich weitgehend Schnuppe, wieviel Geld auf ihrem Konto ist. Und das hat Herr Wimmer (Rudolf Wimmer) ja eigentlich auch schon angedeutet, das Entscheidende ist, dass das Geld investiert ist. Wenn da niemand ist, der Kredite aufnimmt, um zu investieren, dann ist das Geld auf ihrem Konto nichts wert. Sie persönlich denken (...) zwar noch, ich habe hier ein Konto, da sind 1000 Euro drauf, aber faktisch ist das nur eine Zahl im Computer, mehr nicht. Nochmal, der Reichtum einer Gesellschaft sind die Technik und die Maschinen und diese Investitionen kommen nur dann zustande, wenn die Löhne hoch sind und wenn sie mit der Produktivität, also mit dem technischen Fortschritt, steigen. Hohe Löhne treiben den Kapitalismus, nicht niedrige. Es ist natürlich besonders tragisch, dass viele Kapitalisten das genau anders sehen, sie wissen, viele Unternehmer denken, niedrige Löhne seien besonders schön, was ja bedeutet – und das ist die Wahrheit – das ausgerechnet die Kapitalisten nicht begreifen, wie der Kapitalismus läuft, was auch viele der Krisen erklärt, in denen wir sitzen. Ich glaube, wenn man jetzt über Geld nachdenkt, dann ist oft eine Leerstelle in diesen Debatten, dass Löhne nie vorkommen, als monetäre Einnahmen. Man guckt die Geldschöpfung an, aber die Rolle, die die Löhne haben in diesem ganzen System, in dem wir leben, kommt immer zu kurz. Weil die Löhne eigentlich ganz entscheidend dafür sind, die Dynamik in unserem System zu erklären.

Geld im Kapitalismus

Jetzt komme ich zu dem zweiten Teil, nämlich, wie hat der Kapitalismus das Geld verändert. Und das führt direkt zu der Frage: Was ist eigentlich Geld? Denn bisher habe ich ihnen ja nur erklärt, wie es entsteht, nämlich durch die Vergabe von Krediten, das Geld wird aus dem Nichts geschöpft. Das ist aber nur, wo das Geld herkommt, das erklärt ja noch nicht, was es ist. Es gibt keine einheitliche Theorie darüber, was Geld ist. Jeder von uns benutzt es und keiner versteht es. Es gibt Regalmeter in jeder Bibliothek zum Thema Geld. Das ist natürlich faszinierend, dass etwas, was so lange existiert, seit 10000 Jahren, das wir alle benutzen, ein solches Rätsel ist. Ich würde aber zur Vereinfachung sagen – und ich glaube auch, dass das stimmt – dass Geld so ein Rätsel ist, liegt daran, dass alles Geld sein kann, was als Geld akzeptiert wird. Es gibt keine klare Definition von Geld im Sinne von: Geld, das sind Geldscheine. Sondern in dem Moment, wo es von der Gesellschaft akzeptiert wird, kann alles Geld sein. Nur mal ein Rückblick in die Geschichte, das waren schon Kühe, das waren Muscheln, das war Tabak, das war Gold, das war Silber, das war Kupfer, das waren Wechsel, das waren Schuldscheine, das waren Stöcker, die gebrochen wurden, das waren Kerbhölzer, wo man einfach Zahlungsverpflichtungen hereingekerbt hat, das sind Girokonten heute. Das heißt, alles. Was ja auch zeigt, wenn kein Geld in Sicht ist, in dem Sinne, dass es gerade keine Silbermünzen gibt, obwohl Silber offiziell das Geld ist, dann wird einfach etwas anderes als Geld erfunden. Die Menschen waren auch immer sehr kreativ darin, irgendetwas zu finden, was dann allgemein als Geld akzeptiert wird. Um nochmal auf einen Denkfehler hinzuweisen, der auch oft gemacht wird, oft wird gesagt: Es ist klar, Girokonten, das ist Kreditgeld, das ist so abstrakt, aber das gilt nicht für Silber. Silbermünzen, das heißt dann offiziell Warengeld, das ist etwas ganz anderes. Das stimmt nicht. Auch bei den Silbermünzen ist nicht wichtig, dass sie aus Silber sind, sondern auch bei den Silbermünzen ist es so, dass in dem Moment wo sie akzeptiert werden, ein Kredit gegeben wird. Es geht immer letztlich um Kreditvergabe bei Geld. Wenn sie Waren haben, wir nehmen mal an, wir sind alle im Mittelalter, als es noch Silbermünzen gab und Sie akzeptieren dafür Silber, dann ist es ja nicht so, dass Sie ihre Schuhe hergeben, weil Sie jetzt das Silber haben wollen, sondern Sie akzeptieren das Silber, weil Sie annehmen, dass Sie, wenn Sie das Silber später woanders ausgeben, dafür die Ware bekommen die Sie wollen. Das heißt, in dem Moment, wo Sie das Silber akzeptieren, vergeben Sie kurzfristig oder langfristig an die Gesamtgesellschaft einen Kredit und dann wollen Sie natürlich irgendwann auch diesen Anspruch, diese Forderung wieder einlösen, in dem Moment wo Sie die Silbermünze dann wieder selber ausgeben. Was sehr interessant ist und für mich bleibend faszinierend ist, das Aristoteles, der vor 2500 Jahren gelebt hat, das schon wusste. Aristoteles hat ja in einer Welt gelebt, als es eben Silbermünzen gab und als auch die meisten Menschen noch dachten, es hätte irgendetwas mit dem Silber zu tun. Und er hat dann geschrieben – in der Nikomachischen Ethik –, nein, das Geld hat Wert, weil es als geltend gesetzt wird. Oder auf Griechisch heißt Geld Nomisma, kommt direkt von Nomos und Nomos ist auf Griechisch „Gesetz“. Da sieht man, das Geld hat Wert, weil es eine soziale Funktion erfüllt. Da gibt es drei Funktionen, die Sie wahrscheinlich auch schon gehört haben. Das Erste ist, Geld ist eine Recheneinheit (1), mit Geld kann man über den Preis ausrechnen, wie beispielsweise Birnen im Vergleich zu Schuhen sich als Wert darstellen. Schuhe kosten beispielsweise dreißig Euro und eine Birne kostet sechzig Cent, das ist als Recheneinheit. Man kann mit dem Geld den Tausch vereinfachen (2) und ganz wichtig, das ist jetzt der Punkt, auf den ich noch kommen werde, es ist ein Vermögensspeicher (3).

Kredit in der Antike

Die zentrale Funktion des Geldes ist, dass es die Zukunft planbar macht. Die Zukunft wird in die Gegenwart geholt. Wenn Sie sparen, dann sparen Sie ja normalerweise in der Idee, jetzt spare ich und in drei Jahren kaufe ich mir ein Auto. Damit wird sozusagen das Auto in der Zukunft schon mal hier in die Gegenwart einverleibt und das ist bei Krediten genauso, ganz offensichtlich ist das so. Kredite holen die Zukunft in die Gegenwart in dem Sinne, dass man jetzt schon mal das Geld ausgibt, das man dann hinterher zurückzahlen muss. Was jetzt der Kapitalismus natürlich nicht geändert hat, ist ja völlig klar, der Kapitalismus hat nicht die Funktion der Recheneinheit verändert. Das war in der Antike eine Recheneinheit und ist heute noch eine Recheneinheit. Er hat auch nicht die Funktion des Geldes verändert, Tauschmittel zu sein, in der Antike wurde getauscht, heute auch noch. Sondern der Kapitalismus hat alles verändert, wenn es um das Thema Kredite und Vermögen geht. Das ist das, wo der Kapitalismus und damit auch das Geld völlig anders funktioniert, als früher. Um jetzt noch einmal in die Antike zurück zu gehen – Sie sehen ja schon, ich bin von Hause aus Wirtschaftshistorikerin und muss das immer vorne anfangen –, in der Antike gab es drei Formen von Krediten. Die erste Form hatten wir schon, die Finanzierung des Fernhandels. Ein Kaufmann schickt eine Karawane nach Anatolien und leiht sich alles zusammen bei seinen Kollegen und wenn er zurück kommt, zahlt er nicht nur die Waren und die Tiere zurück, sondern auch einen Zins. In diesem Fall war es so, dass der Zins aus den Arbitragegewinnen finanziert wurde. Die Idee war ja, wenn man Fernhandel macht, um es jetzt einmal ganz platt zu machen, in irgendeiner Gegend wächst Pfeffer, der ist dort ganz billig weil da ganz viel Pfeffer ist, jeder Bauer hat Pfeffer, die ertrinken in Pfeffer, keiner will den Pfeffer haben. Also kauft man da als Kaufmann ganz billig den Pfeffer ein, schafft den dann nach Mesopotamien oder später auch in die Niederlande, wo kein Pfeffer ist und verkauft das da ganz teuer. Und aus diesen Gewinnen, einfach dadurch dass man eine Distanz überwindet – das sind sogenannte Arbitragegewinne, wo es nur darum geht, die Kursdifferenzen an verschiedenen Orten auszunutzen –, wird dann der Zins finanziert. Das ist kein Problem, weil ökonomisch gesprochen es tatsächlich ein Effizienzgewinn ist, wenn man Produkte da kauft, wo sie billig sind, weil es sie im Überfluss gibt. Also waren diese Art von Zinsen aus den Arbitragegewinnen aus dem Fernhandel auch in der Antike kein Problem.

Die nächste Art von Krediten, die es in der Antike gab, waren die Konsumkredite. Das ist der typische Fall, Leute sind sehr reich, beispielsweise römische Senatoren, aber sie haben jetzt trotzdem, obwohl sie sehr reich sind, momentane Ausgaben die noch höher sind. Beispielsweise, die Tochter heiratet und man braucht eine Aussteuer. Oder, darüber gibt es einen Brief von Plinius dem Jüngeren, erstes Jahrhundert nach Christus, da wird in diesem Brief – und Plinius war sehr, sehr reich, der gehörte zur absoluten Oberschicht Roms – aber jetzt hat dann eben Plinius dann in diesem Brief lang und breit hin und her überlegt, ob er sich noch eine Villa kauft, in der Nähe von Neapel. Er hatte schon viele Villen, das war nicht das Problem, aber er wollte noch eine Villa. Für diese Villa hatte er jetzt nicht genug Geld und dann hat er sich eben überlegt, ob er jetzt Geld bei seiner Schwiegermutter leiht. Das sind aber typische Konsumkredite gewesen, da gibt es jede Menge Reiche und die leihen sich untereinander Geld. Und natürlich mussten sie dann auch Zinsen zahlen, das war kein Problem, denn sie waren ja alle so reich, dass sie aus den laufenden Einnahmen ihrer Latifundien diese Zinsen auch wieder zurückzahlen konnten.

Dann gab es die dritte Gruppe von Krediten, das sind die Kredite, die sehr bekannt sind, das waren auch die Klassiker, das sind die sogenannten Notkredite. Das war ja eine Gesellschaft, in der letztlich alle Menschen auf dem Land lebten und da musste nur eine Missernte sein und dann waren die Kleinbauern bedroht. Also war entweder die Frage, man leiht sich irgendwoher Weizen oder Getreide, oder man verhungert. Nach einer Missernte mussten dann die Kleinbauern sich bei den großen Landbesitzern Getreide leihen, einfach schlicht um nicht zu verhungern und dann war der Deal, nächstes Jahr muss das geliehene Getreide plus Getreidezins zurückgezahlt werden. Das zeigt übrigens noch ein Missverständnis auf, wenn es um Zins geht. Ich glaube, viele Leute denken, Zinsen gibt es nur beim Geld. Nein, das stimmt nicht. Man kann auch, wie sie an dieser Geschichte mit dem Getreide sehen, Zinsen bei Waren erheben, man kann einfach sagen, du gibst mir nächstes Jahr die gleiche Menge Getreide zurück plus Zins, ausgedrückt in Getreide. Anders gesagt ist es so: Geld entsteht durch Kreditvergabe, aber nicht alle Kredite sind Geld, das ist nicht symmetrisch. Aber zurück zu den Notkrediten, es ist ja völlig klar, die Kleinbauern hatten gar nicht genug Boden, also nicht genug Ernten, damit sie jetzt das ganze geliehene Getreide und dann auch noch den Getreidezins zurückzahlen konnten. Das heißt, innerhalb von einem Jahr waren die dann in einer Schuldknechtschaft und es dauerte oft gar nicht lange, bis das ganze Volk in der Schuldknechtschaft war. Und sie kennen die Bibel, da ist ja das Erlassjahr drin verzeichnet. Die Bibel hat im Alten Testament vorgesehen, dass alle sieben Jahre alle Schulden erlassen werden mussten, was einfach deswegen nötig war, weil, wenn man das nicht alle sieben Jahre machte – und sieben Jahre sind ja an sich ein kurzer Zeitraum –, dann wäre das ganze Volk in der Schuldknechtschaft versunken, das ging gar nicht.

Kredit im Kapitalismus

Das Grundproblem also in der Antike war, es gab eine stagnierende Wirtschaft und die Zinsen mussten aus der Substanz bezahlt werden. Der Zinsgewinn des einen war der Verlust des anderen, es kam zu einer permanenten Umverteilung von Unten nach Oben oder von den Armen zu den Reichen. So, jetzt haben wir den Kapitalismus, ein völlig anderes System, wir haben Wachstum und vor allem eine völlig andere Art von Kredit. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte gibt es den Investitionskredit, den gab es vorher nicht. Also den Kredit, der aufgenommen wird von einem Unternehmer, um damit dann Maschinen zu finanzieren. Jetzt werden Kredite benutzt, um Wachstum zu finanzieren und es ist auch andersrum sehr wichtig, da will ich jetzt auch nicht drauf eingehen, Wachstum gibt es nicht ohne Kredite. Das gesamte Wachstum, das wir haben, ist kreditfinanziert. Aber in dem Moment, wo man Wachstum hat, werden die Zinsen natürlich nicht mehr aus der Substanz bezahlt, sondern aus diesen zusätzlich produzierten Gütern, also die Profite und die Zinsen werden durch das Wachstum finanziert. An sich also sehen sie daraus, Zinsen sind nicht schädlich, solange es Wachstum gibt. Falls sie einen Literaturtipp wollen, die Erkenntnis, die an sich nahe liegt, dass es in der Antike keine Investitionskredite gibt, kommt von einem amerikanischen Althistoriker, der Moses Finley hieß. Dieser hat ein Buch geschrieben das "die antike Wirtschaft" hieß, von 1982. Das sage ich ihnen deswegen, weil es aus meiner Sicht eines der besten Bücher ist, die jemals geschrieben worden sind, vor allen Dingen dann auch wirklich interessant, von einem Althistoriker, dass der so genau erkannt hat, worum es in der Wirtschaft geht.

Die Veränderung der Spekulation im Kapitalismus

Was wir bisher hatten, ist: Kredite finanzieren das Wachstum, also Kapitalismus verändert den Charakter von Darlehen. Aber was dabei auch passiert – das ist ja schon angesprochen worden bei Herrn Beckmann und Herrn Wimmer (Lukas Beckmann und Rudolf Wimmer) –, es verändert sich nicht nur der Charakter des Kredites, sondern es verändert sich auch der Charakter der Spekulation. Menschen haben schon immer spekuliert, das ist nicht der Punkt. Auch schon in der Antike gab es zum Beispiel Derivate. Es wird ja heute immer so getan, als sei das Derivat – ich will jetzt nicht darauf eingehen, was es ist, das ist eigentlich auch Papier mit dem man wettet – die neueste Erfindung der Wall Street. Nein, auch in der Antike hatten sie schon Derivate. Genau die gleichen, etwas simpler konstruiert, aber mit genau dem gleichen Grundgedanken, wie heute. Nur waren das Nullsummenspiele. Wenn man in einer stagnierenden Wirtschaft spekuliert, hat am Ende der eine Verlust und der andere hat Gewinn. Das war total übersichtlich. Die haben auch übrigens nicht auf Kredit spekuliert, jedenfalls normalerweise nicht, sondern es wurde einfach nur ein bisschen spekuliert. Jetzt haben wir im Kapitalismus eine wachsende Wirtschaft. Das heißt erstmal vom Grundphänomen her, alle können gewinnen. Sie haben das auch schon gehört, dass wir angeblich ständig Win-Win-Situationen haben, das ist keine Einbildung, das ist erstmal so. Oder anders gesagt, wenn man ein Unternehmer ist und man investiert in ein Produkt oder in eine neue Technik, dann ist das für den Unternehmer subjektiv eine Spekulation, denn man weiß nicht, ob dann hinterher das Produkt, das man da herstellt, auch gebraucht wird. Denn es könnte dann sein, dass alle Kunden sagen, so ein scheiß Schuh, das will ich jetzt nicht. Und dann hat man falsch spekuliert und muss auch Verluste tragen. Aber der Witz ist eben, auch wenn das für den einzelnen Unternehmer immer eine Spekulation ist, das Gesamtsystem, dadurch dass es Wachstum gibt, sorgt eigentlich dafür, dass die Mehrzahl aller Unternehmen Gewinne machen, dass sich also Spekulation rentiert. Und zwar auf Kredit, das ist ja der Punkt, die Unternehmer müssen im Kern als Gesamtsystem Kredit aufnehmen, um das Wachstum zu finanzieren. Das heißt, man könnte sagen, Kapitalismus ist Spekulation auf Kredit. Das ist jetzt so lange problemlos, wie das Geld oder der Kredit, den man aufnimmt, in Kapital investiert wird, also in Produktionsanlagen. Denn dann passiert etwas ganz Schlichtes, was sie auch eigentlich alle kennen. Der Kredit wird aufgenommen, die Geldmenge steigt, es werden aber auch neue Produktionsanlagen gebaut, also mehr Waren hergestellt und am Ende ist die Geldmenge höher, aber die Warenmenge ist auch gestiegen und alles bleibt im Gleichgewicht. Es ist also alles gut, solange der Kredit oder das Geld in Kapital umgewandelt wird. Leider gibt es eben auch eine zweite Variante: Man nimmt Kredite auf, um damit Geld zu kaufen oder etwas, was nicht offiziell Geld ist, aber letztlich eine Geldform, das sind Aktien, das sind Anleihen, das sind Währungen. Man nimmt Kredite auf, um dann mit Aktien zu spekulieren. Oder man nimmt Kredite auf, um bestehendes Vermögen, am liebsten Immobilien, zu kaufen. Und dann hat man sofort eine gigantische Blase und es wird richtig gefährlich. Wir waren ja alle dabei, da sieht man das schön, die Finanzkrise von 2007 macht alles klar. Die Volumen der Hypotheken in den USA, also alle Hypotheken die es gibt, alle Baukredite, lagen 2001 bei 5,3 Billionen Dollar. 2007, nur sechs Jahre später, lag dieses Volumen bei 10,5 Billionen Dollar. Das heißt, innerhalb von sechs Jahren hatte sich der Gesamtbestand der Hypotheken in den USA verdoppelt. Wie das dann im Untersuchungsausschuss im Repräsentantenhaus der USA ausgedrückt wurde, seit dem Bestehen der USA, also seit 1775, bis 2001, waren in der Summe 5,3 Billionen an Hypotheken aufgelaufen, über also mehr als 200 Jahre. Und dann, innerhalb von sechs Jahren, wurde das einfach noch einmal verdoppelt. Das ist ja Wahnsinn, das sieht man sofort, dass das nicht gut gehen kann und die Immobilienpreise sind eben in den USA auch zwischen 1996 und 2006 um das zweifache gestiegen. Denn was passiert? Die Häuser sind im Wesentlichen da, es werden ein paar neue gekauft, aber im Wesentlichen sind die Häuser da. Man nimmt einen Kredit auf, um ein Haus zu kaufen und es ist ja klar, dass dadurch dann automatisch die Preise steigen müssen. Irgendwann fällt den ersten auf, dass das nicht gut gehen kann und es kommt zum Crash.

Die Krise des gegenwärtigen Kapitalismus

Finanzkrisen gab es im Kapitalismus immer, eben weil die Spekulation als Unternehmer und die Spekulation mit dem Vermögen subjektiv so ähnlich aussieht, das lässt sich leicht verwechseln, es gab schon 1873 eine schwere Krise, da mussten 50 % der Arbeiter in der Industrie in dem sogenannten „Gründerkrach" entlassen werden. Finanzkrisen sind also nicht neu, aber trotzdem sind wir in einer neuen Phase. Das können sie daran sehen, dass wir in zehn Jahren drei schwere Finanzkrisen hatten. Das gab es noch nie, das ist das absolute Novum. Wir hatten die Dotcom-Krise 2001, dann die Subprime-Krise, also die Finanzkrise in den USA 2007 und die Euro-Krise ab 2010. Und die Banker die hier sind wissen es alle, es ist nur eine Frage der Zeit, bis die nächste schwere Finanzkrise ausbrechen wird. Und Frage der Zeit heißt, es werden wenige Jahre sein. Das System ist derartig instabil, dass man es eigentlich auf konventionellem Wege gar nicht mehr retten kann. Was passiert, ist, das werden sie jetzt nach alldem was ich ihnen erzählt habe sofort verstehen, seit 1980 hat sich, wie das der Investmentbanker George Soros nennt, eine Superblase aufgepumpt. Und das muss man sich so vorstellen, das reale Wachstum ist gering, man hat nicht mehr in die Realwirtschaft investiert, sondern man hat nur noch in die Spekulation mit Vermögenswerten investiert. Und jetzt hat man eine riesige Finanzblase, die auf dieser Realwirtschaft herauflastet und die Realwirtschaft auch faktisch erdrückt. Dazu wird Herr Jorberg ja auch noch viel sagen. Das kann auf keinen Fall stabil bleiben, oben wackelt immer diese Finanzblase, jetzt hatten wir schon drei schwere Finanzkrisen, das hat aber noch nicht dazu geführt, dass diese Blase, die wir hier haben, abgesaugt worden wäre. Sondern das Vermögen und die Kredite, das ist alles noch da und schwabbelt als Geldvermögen in der Gegend rum.

Das heißt, die Frage, die ja die ganze Konferenz beschäftigt, ist, wie bekommt man eigentlich das Geldsystem wieder unter Kontrolle? Und das ist natürlich die Frage, wie kriegt man die Banken unter Kontrolle, denn man muss ja die Kreditvergabe kontrollieren, damit man verhindert, dass Kredite vergeben werden, um damit zu spekulieren. Und es gibt da zwei grundsätzliche Ansätze, die auch auf dieser Konferenz diskutiert werden: Der erste Ansatz ist, man nimmt den Banken einfach die Geldschöpfung weg, die Geldschöpfung macht dann die Zentralbank. Das ist das Konzept Vollgeld. Das ist die eine Strategie, zu sagen, wenn das mit der Kreditvergabe nicht funktioniert, in dem Sinn, dass immer in die Realwirtschaft investiert wird, sondern stattdessen wird die Spekulation finanziert, Geldschöpfung weg, macht die Zentralbank. Der zweite Ansatz wäre, die Banken vergeben weiterhin eigenständig die Kredite, also an dem System, wie wir es jetzt haben, wird nichts geändert, aber es gibt eine rigorose Regulation. Also die Banken können nicht einfach mehr machen, was sie wollen, völlig unkontrolliert, sondern man zwingt sie, ihre Kredite nur noch so zu vergeben, dass die in der Industrie oder in der Realwirtschaft landen. Zwei Strategien die da wichtig sind ist erstens, das Eigenkapital der Banken muss steigen, von jetzt 3 % zur Bilanzsumme auf 20 % und zweitens, man muss eben sehr stark daran arbeiten, dass man die Derivate, also die Wetten auf die Zukunft, die im Augenblick der wesentliche Hebel sind um mit Kredit zu spekulieren, radikal reduziert. Auf diese technischen Dinge will ich jetzt nicht eingehen, aber es gibt diese beiden Möglichkeiten: entweder man macht Vollgeld, oder man reguliert die Banken. Aber mir scheint wichtig, für die Diskussion zu wissen, dass Vollgeld nicht die einzige Alternative ist, sondern man könnte auch über die Regulierung der Banken nachdenken.

Fazit: Was ich ihnen eigentlich mitgeben wollte ist, Geld und Kapital sind soziale Phänomene. Niemand hat den Kapitalismus geplant, niemand hat ihn vorhergesehen, er ist einfach entstanden. Das gleiche gilt fürs Geld. Geld gab es immer und Geld ist, was als Geld akzeptiert ist, auch Geld ist sozusagen sozial. Und das bedeutet – was vielleicht ein bisschen beängstigend sein kann –, während wir hier alle über das Geld reden, kann es sein, dass eine neue Geldordnung schon entsteht, die wir aber gerade alle nicht wahrnehmen, die völlig ungeplant ist, die aus den Tiefen der Gesellschaft kommt, ohne dass wir es gerade hier alle bemerken. Vielen Dank.