Workshop 1

Plurale Ökonomik. Wie Studierende und Professor*innen Universitäten verändern

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Was läuft eigentlich falsch in den Wirtschaftswissenschaften? Und warum sollte uns das eigentlich interessieren?

Svenja Flechtner, Universität Flensburg, fragte, ob Ökonom*innen Schaden für die Gesamtgesellschaft anrichten würden? Wie könnte dieser Schaden aussehen? Ökonom*innen wirkten in die Gesellschaft hinein, in der Politikberatung, in Ministerien, Beiräten etc. Sie prägten die öffentliche Meinung in Talkshows und Zeitungen und besonders: ihre Studierenden. Ökonomische Ideen prägten die Gesellschaft, beispielsweise über Konzepte wie den Mindestlohn, Handelsabkommen, die Staatsverschuldung. Flechtner verwies auf John Maynard Keynes, der vermutete, dass die Welt sogar hauptsächlich von den Ideen der Volkswirtschaftslehre regiert werde - egal ob diese richtig oder falsch seien.

Was aber hieße richtig oder falsch in den Wirtschaftswissenschaften, fragte Flechtner. Menschliche Gesellschaften seien komplex und die Folgen ökonomischer Maßnahmen ließen sich selten exakt vorhersagen. Die Wahl der Forschungsmethode habe großen Einfluss auf das Ergebnis der Analyse und damit auch auf Politikempfehlung. Wissenschaftliche Modelle fokussierten bestimmte Sachen und blendeten andere aus. Flechtner sagte dazu: "Wenn ich immer ähnliche Modelle habe, wo zum Beispiel immer nur die erwerbstätige Bevölkerung eine Rolle spielt, werden sie nicht herausfinden, was für Auswirkungen eine Reform der Sozialversicherung auf Personen hat, die überhaupt nicht erwerbstätig sind, sich vielleicht um Angehörige oder Kinder kümmern. Wenn sie ein Modell benutzen, um Handel zu analysieren und dem Modell ist alles nur aggregiert, werden sie immer berechnen, dass Handel Wohlstand steigert, nur in welchem Maße für wen und wie das geschieht, sehen sie nicht. Netto gibt es immer Effekte, aber Verteilungseffekte werden sie nicht sehen."

Es fehle eine wissenschaftliche Debattenkultur, ein Wettbewerb alternativer Konzepte und Ideen. Die Debatte werde vom neoklassischen Mainstream dominiert. Einführungslehrbücher für Mikro- und Makroökonomie seien von dieser Denkschule geprägt, akademische Positionen würden nur für bestimmte Denkschulen vergeben, wer in den wichtigsten wissenschaftlichen Journalen publizieren wolle, müsse der entsprechenden Denkschule angehören. Und wer nicht in den entsprechenden Journalen publiziert, habe keine Chance auf die besten Stellen.

Es gebe zwei Arten der Kritik an dieser Situation. Einerseits die Kritik am vorherrschenden wissenschaftlichen Monismus, andererseits Kritik an der neoklassischen Ökonomik an sich. Hier stehe besonders der Homo oeconomicus in der Kritik. Flechtner: "Wenn Sie zum Beispiel Arbeitslosigkeit analysieren und davon ausgehen, dass Menschen einen finanziellen Anreiz brauchen, um ihr Haus zu verlassen und zu arbeiten, macht es Sinn, Hartz4 herunterzuschrauben, weil sonst keiner einen Finger bewegt. Wenn Ihnen aber klar ist, dass Arbeitslosigkeit ein Hauptrisikofaktor für Depressionen ist und dass Leute auch intrinsische Motivationen haben können, kommen sie natürlich zu ganz anderen Ergebnissen." Die neoklassischen Modelle würden sehr stark vereinfachen, indem sie sehr viele Faktoren aggregieren.

Das Netzwerk Plurale Ökonomik e.V.

Christoph Gran stellte das Netzwerk Plurale Ökonomik e.V. vor. Das Netzwerk für Plurale Ökonomik setzt sich für eine Methodenvielfalt der Ökonomik ein. Gran: "Wir wollen vor allem auch wissenstheoretische Reflexionen durchführen. Wir wollen wissen, welche Annahmen sind denn dahinter, was für ein Wissenschaftsverständnis steckt denn da drinnen? Es wird immer wieder so getan, als sei der Mainstream wertfrei und hätte überhaupt keine normativen Annahmen. Aber er hat sie eben doch. Da wollen wir gerüstet sein und reflektieren können, was wir überhaupt tun. Wir wünschen uns eine historische Fundierung [...]. Wir sind eine Sozialwissenschaft, die historisch abhängig ist von den Umständen. Wenn eine Theorie entsteht, hat das immer auch mit den historischen Bedingungen zu tun und wir wollen eben wissen, wann hat Keynes gelebt, was war dort relevant... warum machen wir Wirtschaft?"

Gran fragte danach, wie eine Plurale Ökonomik erreicht werden könne? Einerseits könnten Widersprüche aufgezeigt werden. Zum Beispiel, dass makroökonomische Modelle Faktoren wie die Ressourcen der Erde nicht berücksichtigen, oder die (meist von Frauen geleistete) Hausarbeit. Es sollten Alternativen erarbeitet werden und Öffentlichkeit hergestellt werden.

Christoph Gran zur sozialökologischen Transformation:

"Makroökonomik ist deshalb von großer Bedeutung, weil sie in vielen Bereichen politischen und gesellschaftlichen Handelns die Grundlage bildet. Wenn man sich die TTIP-Verhandlungen zum Beispiel anschaut, liegt dahinter ein ganz konkretes makroökonomisches Modell, das die Europäische Union sich hat durchrechnen lassen. Mit diesem Modell wird berechnet, dass in den nächsten 10 Jahren z.B. 0,5 % Wachstum herauskommen. In dem Modell stecken jede Menge Annahmen drinnen, dann stehen Theorien dahinter, die sich auf Annahmen stützen, z.B. die Annahme, dass Wachstum gut ist. Diese typischen Werte, die da drinnen stecken sind eben Effizienz, Technologie, technischer Fortschritt, Wachstum, Konsum. Das sind alles Werte, die da drinnen stecken und aus einer pluralen Sichtweise könnte man nun auch fragen, was ist denn mit Christian Felbers Gemeinwohlökonomie zum Beispiel? Oder, wie kann ich in so einem Modell überhaupt abbilden, dass jemand eine sinnhafte Tätigkeit vollführt? Wenn dann so ein Modell ausrechnet, dass da Wachstum entsteht, guckt sich niemand mehr die Annahmen an, sondern in der Politik wird dann auf die Ökonomen verwiesen und ohne die Berechnungen zu hinterfragen entschieden. Dass da aber zum Beispiel Annahmen drinnen sind bezüglich technischen Fortschrittes, der es uns im Umgang mit der Natur doch noch ermöglicht, diese 1,5 Grad beim Klimawandel zu erreichen, ist nach außen nicht sichtbar. Wenn man makroökonomische Modelle entwickelt, muss man sich an irgendeinem Punkt überlegen, was nehme ich an dieser Stelle jetzt an? Da werden abenteuerliche Annahmen gemacht, wie durch technologischen Fortschritt eine Entkoppelung zum Beispiel von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch stattfinden kann. [...] Statt zu fragen, unter welchen Annahmen Wachstum möglich ist, müssten wir fragen, wie können wir die ökologischen Grenzen einhalten? Wie schaffen wir es den ökologischen Fußabdruck so zu entwickeln, dass wir überhaupt weiter existieren können? Was ich sagen will ist, dass diese Fragestellung eigentlich in der Mainstream-Ökonomik nicht auftaucht. Stattdessen werden dort andere Werte postuliert und gefordert und die Schwerpunkte in Folge dessen schon im Ansatz falsch gesetzt. Die zweite Frage zu den Werten ist, was ist eigentlich unser Ziel? Das Ziel dieser Modelle ist, dass das BIP wächst. Wir machen alles Erdenkliche [...] damit das BIP weiterwächst. Was sagt uns denn das BIP über die Akzeptanz biosphärischer Limits? Wenn überhaupt, sagt es mir, dass wenn das BIP weiter steigt, wir die biosphärischen Limits weiter verletzen. Als ökologischer Ökonom ist das BIP für mich erstmal ein Indikator dafür, dass etwas schiefläuft. Denn wenn es noch weiter steigt, wird es immer schwieriger, diese ökologischen Grenzen einzuhalten. Es gibt ja auch die Enquete-Kommission für Wohlstand, Wachstum und Lebensqualität, die (wie viele andere Kommissionen auch) festgestellt haben, dass das BIP gar kein angemessener Indikator für Lebensqualität der hochindustrialisierten Länder ist. Ab einem gewissen Niveau [...] ist eher die Frage, wie ist unser Bildungssektor aufgestellt? Wie ist die Krankheitsversorgung? Wie ist die Einkommensverteilung einer Gesellschaft? Das sind die viel entscheidenderen Fragen ab einem gewissen Niveau […]. Die entscheidende Frage ist, was ist eigentlich Wohlstand und wie messen wir ihn? Und da ist die VWL meiner Meinung nach weit hinten dran. Denn alle sagen zwar, dass das BIP kein richtiger Indikator ist, aber er wird trotzdem verwendet. Das ist irgendwie rückständig, man müsste fragen, welche Indikatoren es gibt und wie man die in die Modelle integrieren kann."

Prof Dr. Helge Peukert zum gegenwärtigen Zustand der Ökonomie

„Der Mainstream hat sich in einer Hinsicht nicht sehr geändert und zwar will er alles modelltheoretisch abbilden und ökonometrisch testen. Die Finanzmärkte sind nun für Hayekianer ein überkomplexes Phänomen und das bedingt es, dass ich da mit Modelltheorie nicht sehr weit komme, das ist das Grundproblem. Das heißt, wenn ich jetzt Risikomodelle entwickle, wie das die EZB macht mit der makropotentiellen Regulation oder die EU-Kommission mit Sixpac, Twopac usw. glaube die, wir können dieses System verstehen und wenn wieder was schiefgeht früh genug intervenieren. Das ist der grundlegende Irrtum. Dieses System kann ich nur in den Griff bekommen, wenn ich die Überkomplexität, Interdependenz und die großen Spinnen im Netz ("too big to fail") zerschlage und das will keiner, weil da die Finanzgroßwirtschaft dahinter ist. Ich müsste die Großbanken zerschlagen, das Derivate-Volumen deutlich reduzieren, für jeden Trade, den ich an der Börse mache, wieder eine Trading-Comission einrichten [...] dann würde sich das sofort um zwei Drittel reduzieren. Das wird nicht gemacht, weil man immer noch von der Theorie ausgeht, je breiter, je tiefer, je voluminöser die Märkte sind, umso besser ist es eigentlich und wenn jemand mit jemand anderem einen Trade eingeht, muss es in beiderseitigem Interesse sein, weil sonst beide Seiten das nicht tun würden. Dieser im Grunde marktliberale Grundgedanke ist nach wie vor da.“

"Der Zustand der Ökonomie, ihre Pluralität, zeigt sich aber darin, dass ja im Jahr 2013 zwei Leute einen Nobelpreis bekommen haben. Einmal Robert Shiller, der sagt, die Finanzmärkte sind irrational und dann Eugene Fama, ein sehr ironischer Mensch, der Originator der Effizienzmarkt-Theorie, der genau das Gegenteil sagt. Und beide haben den Nobelpreis bekommen, das ist genau das Jahr, wo das Hicks-Teilchen prämiert wurde. Stellen wir uns vor, in der Physik sagt eine Gruppe, wir haben das Hicks Teilchen bewiesen und eine andere sagt, wir haben es widerlegt und die schwedische Akademie sagt, das ist toll, das ist Wissenschaft, ihr bekommt den Preis beide. Das zeigt den Unterschied zwischen VWL und Nicht-VWL, man kann mit gewissen Argumenten eben beides sagen."