Workshop 3

Qualitätsjournalismus. Wie das Internet Journalismus, Wissen, Urteilsfähigkeit und Demokratie verändert

Text als pdf

CORRECT!V

David Schraven berichtete über die Rechercheplattform Correct!v. Ausgangspunkt war die Krise der Medien und insbesondere der Lokalmedien:

„Wo es wirklich dramatisch ist, wo es wirklich große Probleme gibt, die unsere Demokratie in eine Krise führen können, ist bei den Lokalmedien. Wir haben uns oft über Ein-Zeitungs-Kreise beschwert, Städte oder Gemeinden, in denen nur noch eine Zeitung erscheint. Ich sage, die Glücklichen! Da gibt es noch eine Zeitung. Es gibt jede Menge Kein-Zeitungs-Kreise in Deutschland. Gegenden, in denen kein Lokalmedium mehr erscheint."

Radio, Fernsehen und nationale Medien könnten diese Lücken nicht ausfüllen, weil es nicht möglich ist, dass ein nationaler Radiosender in jedem kleinen Dorf einen Lokalreporter hat, schon aus finanziellen Gründen. Außerdem seien die Strukturen des Fernsehens zu schwerfällig, um sich auf Veränderungen einzustellen. Stattdessen würden Nachrichten mehr und mehr wieder über Vertrauensketten ausgetauscht, z.B. über Facebook. Qualitätsjournalismus sei allerdings ein zentraler Bestandteil einer Demokratie, so Schraven weiter:

„Qualitätsjournalismus ist wichtig für jeden von uns, weil er uns Zusammenhänge erklärt, weil er uns Hintergründe vermittelt, weil er uns entscheidungsfähig macht. Er hilft uns zu verstehen, was passiert, in unterschiedlichen Artikulationen. Wir können uns nachher selber raussuchen, was wir davon brauchen. Er hilft uns, Fakten zu schaffen, Spekulationen zu bekämpfen [...]. Qualitätsjournalismus schafft Gemeinschaft. Wenn es ihn nicht gibt, gibt es keine Demokratie.“

Kritik einer Teilnehmerin am Begriff des Qualitätsjournalismus

Teilnehmerin: „Ich bin irritiert über diesen Begriff des Qualitätsjournalismus, weil ich dachte, das, was sie als Kriterien für diesen aufgestellt haben, wäre eigentlich guter Journalismus [...]. Was die alte Zunft immer gelernt hat ist, klare journalistische Grundformen zu beachten und wenn ich weiß, dass eine ist ein Artikel, das andere ist ein Kommentar und das dritte ist vielleicht ein Interview, kann ich als Leser einschätzen, das ist der Versuch, möglichst einfach zu schreiben (Artikel), ich habe einen Kommentar, daran kann ich mich reiben, weiß ich um was es geht. Aber wenn sie sagen, sie möchten gerne Geschichten erzählen, dann verstehe ich zwar, was sie damit meinen, aber da fließt alles zusammen und ich kann nicht mehr sehen, was daran Qualitätsjournalismus sein soll, wenn sie mir eine Geschichte erzählen, wo Fakten, Meinungen und Beobachtungen von Dritten ineinanderfließen.“

Antwort Schraven: „Die Festlegung auf eine Handvoll Darstellungsformen ist eine künstliche Beschränkung die dazu führt, dass ich viele Leute nicht erreiche. Und wenn ich aber einen Sachverhalt habe, von dem ich möchte, dass die Leute ihn erfahren, kann ich mich jetzt hinstellen und sagen, ich schreibe nur Artikel, Kommentar und Interview. Dann erreiche ich aber 50 % der Leute unter 35 nicht. Ich weiß aber, das geht die an. Dann ist es doch an mir, zu überlegen, wie erkläre ich ihnen das? ich kann nicht erwarten, dass sie zu mir kommen und es sich abholen. Ich bin der Geforderte, der übersetzen muss für die. [...] Das ist für mich der journalistische Auftrag [...].“

Maren Urner über Perspective Daily

Maren Urner berichtete über die Gründung und Ausrichtung von Perspective Daily, einem Portal für konstruktiven, lösungsorientierten Journalismus. Ziel sei, der Tendenz der Nachrichtenmedien entgegenzuwirken, die Berichterstattung auf negative Einzelereignisse zu fokussieren, was zu einem überproportional negativen und pessimistischen Weltbild führe. Stattdessen solle konstruktive Kritik geübt werden, die Auswirkungen der Artikel auf den Leser mit bedacht werden und auch Grautöne zwischen klaren Bewertungen in die Berichterstattung einfließen. Damit solle die sonst durch die Medien im Leser ausgelöste gelernte Hilflosigkeit vermieden werden. Stattdessen berücksichtige konstruktiver Journalismus die Frage, wie es weitergehen könne.

Maren Urner zur thematischen Ausrichtung: „Generell ist es so, dass für uns viele Themen eine große Rolle spielen, die im Ausland liegen, da schauen wir über den Tellerrand. Themen, die vielleicht in Deutschland in zwei Monaten kommen, denn Deutschland hinkt in vielen Sachen bei der Berichterstattung hinterher. Das heißt, sobald man seinen Blick weitet und andere Perspektiven einnimmt, kann man relativ einfach fast der erste sein, der neue Themen aufgreift. Das sind dann keine Themen, die Fußballergebnisse oder den nächsten Bombenanschlag betreffen, sondern Zusammenhänge die (und dann sind wir wieder bei der Relevanz) uns alle betreffen, die Geldfrage zum Beispiel. Wir gehen jeden Tag damit um, aber wer sagt mir mal, wie Geld funktioniert, es sei denn, ich schließe mich einer Interessensgruppe an, die dieses Thema auf der Agenda hat [...]. Da eben auch zu fragen, was sind Themen, die uns jeden Tag betreffen, die aber eben langfristige Entwicklungen sind [...]. Das sind keine Sachen, die auf Seite eins kommen.“

Kritische Stimme zum Qualitätsjournalismus

Teilnehmer*in: "Ich möchte einen Kommentar geben zu dem Punkt, dass es so viel Medieninformationen gäbe und man gar nicht die Informationen fände, die relevant ist, sondern Hilfe dabei bräuchte. Das sehe ich anders. Wenn ich mir nicht die Berichterstattung auswähle, die ich will, dann macht das jemand anderes. Und wenn jemand anderes das macht, gebe ich eine große Entscheidungsmacht ab. Und ich sage für mich, nein, ich nehme lieber diese große Unbequemlichkeit auf mich und suche mir die Information selber. Vielleicht übersehe ich dabei das eine oder andere. Für mich habe ich den Weg gewählt, dass ich den Medienkonsum stark reduziere und seit vielen Jahren kein Fernsehen schaue [...]. Ich halte es für sinnvoller, Bücher zu lesen, die sich in der Tiefe mit einem Problem auseinandersetzen [...]."