Interview mit Lukas Beckmann

Der Blick zurück: Wie kam es zum ersten Geldgipfel?

2014 fand der erste Geldgipfel der GLS Bank Stiftung an der Universität Witten/Herdecke statt. Das Ziel: Die Bündelung von praktischer Erfahrung, wissenschaftlicher Expertise und des gesellschaftlichen sowie politischen Willens für eine Geldwende.

Im folgenden Interview spricht Lukas Beckmann, damaliger Vorstand der GLS Bank Stiftung und Initiator des Geldgipfels, darüber, wie es zu der Veranstaltung kam und warum wir auch in Zukunft Geldgipfel brauchen werden.


 Wie wurde die Idee Geldgipfel geboren?

Als ich 2011 meine Vorstandstätigkeit bei der GLS Treuhand aufnahm, fehlte aus meiner Sicht – neben den bestehenden Zukunftsstiftungen – eine „Zunkunftsstiftung Geld“, die ich auf den Weg bringen wollte. Damals war noch nicht absehbar, dass Ende 2011 die Satzung der GLS Bank eG geändert werden würde, um die Auszahlung einer Dividende auf Eigenkapital rechtlich zu ermöglichen. Der bis dahin geltende Grundsatz, der Bank dauerhaft Eigenkapital ohne Gewinnanspruch zu übertragen, sollte gleichzeitig als Option bleiben. Für diesen Zweck wurde die GLS Bank Stiftung gegründet als eine Initiative von Bank und Treuhand. Bei der Diskussion über den Zweck der GLS Bank Stiftung kam ich mit Thomas Jorberg, Vorstandssprecher der GLS Bank, schnell überein, dass eine kontinuierliche Arbeit an einer neuen Geld- und Finanzordnung im Mittelpunkt der Arbeit dieser neuen Stiftung stehen sollte. Damit war ein Rahmen geschaffen, und der erste Geldgipfel war zugleich der Auftakt dieser Stiftungsarbeit.

Wir ahnten damals: Auch die noch junge Finanzkrise in 2008 wird weder in der Bankenwelt, noch in der Wissenschaft oder in der Politik dazu führen, die grundlegende Geld- und Finanzordnung zu hinterfragen. Das wollten wir ändern.

Es gab dafür durchaus seit Jahren schon einzelne Stimmen, ohne sich allerdings öffentlich Gehör verschaffen zu können und ohne den Anspruch zu haben, über den eigenen Wirkungsbereich hinaus gesellschaftlich und politisch etwas ändern zu wollen. Insofern betraten wir Neuland. An Veranstaltungen, die Missstände beklagen, mangelt es in demokratischen Gesellschaften in der Regel nicht. Sie zu überwinden braucht Ziele und Vernetzung von Banken mit Gesellschaft, Wissenschaft und Politik. Es war schlicht an der Zeit, eine Geldwende auf den Weg zu bringen, die praktische Erfahrungen und wissenschaftliche Expertise mit den bereits vorhandenen gesellschaftlichen und politischen Veränderungswillen bündelt.

Warum ist die Geld- und Finanzordnung so wichtig? Gibt es nicht viel drängendere Probleme – etwa im sozialen Feld, dem wachsenden Abstand von Menschen mit oder ohne gutes Einkommen, mit oder ohne gute Bildungschancen?

Geld ist nicht nur irgendein Medium, das Beziehungen zwischen Menschen regelt. Es ist das (!) Medium, das alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft durchdringt. Wirkungsmächtiger als alle sozialen Medien zusammen! In einer arbeitsteiligen Gesellschaft arbeiten wir ja nicht für uns, sondern für andere. Das heißt, schon mit jedem Schluck Milch, mit jedem Bissen Brot treffen wir als Konsumenten de facto eine Entscheidung darüber, ob mein Gegenüber als Produzent oder Dienstleister mit dem von mir bezahlten Preis klarkommen kann und ob sein Einkommen reicht, um vernünftig davon leben zu können.

Warum die Uni Witten/Herdecke als Veranstaltungsort? Reiner Pragmatismus?

Die Hochschulbewegung „Plurale Ökonomik“ ist ein seit etwa sieben Jahren bestehendes, sehr erfolgreiches Netzwerk aus Studierenden und Lehrenden an inzwischen über 30 Universitäten. Sie organisieren eigeninitiativ Veranstaltungen neben dem offiziellen Vorlesungsangebot in Volkswirtschaft und Betriebswirtschaft, damit wissenschaftliche Vielfalt das Denken der Studierenden bereichert und sie zukunftsfähig macht. Die Universität Witten/Herdecke, eine NC-frei zugängliche Universität, hat vor 35 Jahren eine plurale Lehre der Volkswirtschaft etabliert und ist deshalb eine gute Partnerin für uns. Dazu gehört auch, dass viele Studierende – insbesondere aus dem Studiengang „Politik-Philosophie-Ökonomie“ – sich in besonderer Weise bei der Vorbereitung und Durchführung des Geldgipfels engagieren.

Der Titel des ersten Geldgipfels lautete „Von der Energiewende zur Geldwende“. Was wollten Sie mit diesem Vergleich bezwecken?

Die Energiewende ist ein erfolgreiches Beispiel für eine wirtschaftliche Transformation durch zivilgesellschaftliche Veränderungsenergie. Die Akteur*innen der Anti-Atomkraft-Bewegung waren ja nicht überwiegend Atomphysiker, sondern engagierte Bürger*innen, die sich kompetent gemacht haben und einen Veränderungswillen hatten. Veränderungen werden an den Rändern geboren und zunächst von einer Minderheit initiiert und getragen. So ist es auch mit der „Geldwende“. Sie wird nicht von Banken und der beherrschenden Finanzwissenschaft ausgehen, auch wenn es ohne wissenschaftliche Expertise keine erfolgreiche Transformation geben wird. Zunächst jedoch ist die klassische Volkswirtschaftslehre Teil der gewordenen Probleme und nicht Teil einer Lösung.

Der tägliche Umgang mit Geld war und ist für uns alle so selbstverständlich wie das Atmen. Es betrifft uns nicht nur individuell, sondern vor allem auch als Bürger*innen. Die Öffentlichkeit hat sich lange Zeit nicht wirklich für Geldzusammenhänge interessiert. Die Finanzkrise wirkte öffentlich wie ein Katalysator, viele wollten jetzt erstmals mehr wissen und sich mit dem Thema Geld aktiv auseinandersetzen. Plötzlich ging es nicht mehr darum, ob das Geld da ist, sondern wo es herkommt und wie es wirkt! Also die Frage nach den unserem Geld zugrundeliegenden ordnungspolitischen Strukturen. Die GLS oder als Langfassung die „Gemeinschaft für Leihen und Schenken“ war es gewohnt, einen anderen Umgang mit Geld zu ermöglichen. Aber außerhalb dieses Umfeldes handelte es sich weitgehend um eine Nischendebatte.

Vergleichbare Kontroversen haben auch die Energiepolitik der vergangenen Jahrzehnte begleitet. Die einen hatten das, was wir heute Energiewende nennen, als Möglichkeit vor Augen, für die anderen ging schon das Licht aus, wenn auch nur gedanklich ein Atomkraftwerk abgeschaltet wurde. Dennoch ist der Abschied von der Atomenergie (und hoffentlich auch bald von der Kohleenergie) gelungen. Das Wort „Energiewende“ finden Sie heute nicht nur bei uns, sondern auch international in jedem Dokument, welches sich mit Energiefragen der Zukunft beschäftigt. Der Titel war also nicht ein direkter Vergleich, sondern der Aufruf, etwas Grundlegendes in Frage zu stellen und neu zu denken. Überlässt man dieses Feld den „Experten“ liegt es brach für Entwicklungen.

Was meinen Sie damit, dass dieses Feld nicht den Experten überlassen werden sollte?

Ist es nicht unfair, von Menschen eine systemische Veränderung zu erwarten, die sie nicht denken können? Die sie nie gelernt haben zu denken? Auch ich habe in meiner landwirtschaftlichen Ausbildung die „ökologische Landwirtschaft“ noch nicht einmal als Wort kennengelernt. Wie bei der Energiewende wollen wir auch in der Geld- und Finanzordnung nicht darauf warten, bis sich alle Expert*innen einig darin sind, dass diese Geldordnung nicht nur einzelnen Ländern und gesellschaftlichen Gruppen geschadet hat, sondern die Welt insgesamt gegen eine Wand fährt. Und gäbe es einen Konsens, müssten sie noch die politischen Entscheidungsträger*innen überzeugen. Auch wenn es heute vielleicht mehr Fragen als Antworten gibt: Geld bestimmt unseren Alltag und das legitimiert uns zur Einmischung für eine andere Geldordnung. Und auf diesem Weg haben wir die Chance, Expertinnen und Experten hervorzubringen, die Teil der Lösung und nicht konstitutiver Teil des Problems sind.

Wenn Sie an diese Zukunft denken, brauchen wir da noch einen Geldgipfel?

Geldgipfel sind ein Werkzeug auf einem sehr langen Weg. Und je später wir starten, desto länger wird er. Bis wir bei einer Geld- und Finanzordnung angelangt sind, die sich als System der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse und nicht der größtmöglichen Rendite verpflichtet, werden wir zusammen mit vielen Partnern ein breites gesellschaftliches Netz aufbauen müssen, um vorhandenes Veränderungspotenzial zu bündeln.

Von daher: Formate wie der Geldgipfel werden gebraucht, solange unsere Geld- und Finanzordnung nicht konstitutiv die Grundsätze der sozialen Verpflichtung von Eigentum und des Teilens respektieren und nur durch Steuer- und Sozialpolitik versucht, Auswüchse von Ungleichheit zu glätten. Die aktuelle Ordnung ist strukturell auf eine Ungleichheit von Chancen ausgerichtet, sie wirkt sozial und ökologisch nicht nachhaltig, sie zerstört als System die Existenz vieler Menschen und ebenso ihre natürlichen Lebensgrundlagen und sie gefährdet unsere Demokratie.

Aber unsere Entwicklung geht ja weiter. Auch die Technologische. Ich bin zuversichtlich, dass Technologien wie Blockchain, die heute eher als weniger vertrauenswürdig daherkommen, einst doch ein erhebliches Potential mitbringen, die handwerkliche Umsetzung unserer dezentral angelegten, international anschlussfähigen Ansätze zu unterstützen. Vieles ist noch offen. Aber es könnte sich zum Beispiel zeigen, dass nationale Währungen gar nicht so unabänderlich in Stein gemeißelt sind, wie viele dies von der Atomenergie vor der Energiewende dachten.

Was wird beim Geldgipfel 2018 im Vordergrund stehen?

Das Thema ist die Klammer: Von der Finanzwirtschaft zur Realwirtschaft. Dabei haben wir den Zeithorizont von 2008 bis 2028 vor Augen. Was ist seit Lehman Brothers in der Bankenwelt passiert, was leider nicht und was muss in 2018 auf den Weg gebracht werden, damit wir nach weiteren zehn Jahren bzw. bei der nächsten Finanzkrise nicht genauso nackt dastehen. Diese Fragen stellen sich in vielen Feldern und auf verschiedenen Ebenen. Deshalb werden alle hier angesprochenen Aspekte Thema sein. Es wird spannend sein, kontrovers zu diskutieren, wie Blockchain nicht nur unser Verständnis von Geld, die Finanzwelt und die Banken verändern wird, sondern auch unser Leben als Bürger*innen mit Rechten und Pflichten. Da müssen wir uns als Zivilgesellschaft einmischen! Wie muss zum Beispiel ein Blockchain für ein Grundeinkommen programmiert sein, damit die erhofften Folgen auch gesellschaftlich wirksam werden können? Aber es geht auch um sehr gegenwartsbezogene Aspekte wie die Verteilungswirkung von Eigentum, um das Problem der Externalisierung von Kosten, die Einführung einer CO2-Abgabe, um eine Ausweitung nachhaltiger Investitionsmöglichkeiten und nicht zuletzt um die „Ökonomische Bildung“ an Schulen und Berufsschulen. Hier wird eine Arbeitsgruppe ihre Erfahrungen mit Studierenden als Lehrer*innen an Schulen präsentieren und zur Diskussion stellen.

Und schließlich: Im Hinblick auf die längerfristige Arbeitsplanung der Stiftung werden im letzten Teil des Geldgipfels 2018 strategische Fragen im Vordergrund stehen. Wer sind wichtige Akteure, Vordenker einer Geldwende? Wie bauen wir das Netzwerk Geldwende aus? Welche verwandten Themenfelder müssen einbezogen werden? Wie lässt sich eine kontinuierliche Arbeit zwischen den Geldgipfeln organisieren und finanzieren? Also ein Blick auf die nächsten Schritte für gemeinsame Aufgaben.